Panne, Waffelmuster und das Nichts

Als ich neulich mit zwei Freundinnen in der Böse Buben Bar saß, kamen wir unversehens auf die Dinge zu sprechen, vor denen wir uns als Kinder sehr gefürchtet haben. Oder auch geekelt – das lag ja früher sehr nah beieinander.

Ich hatte einen seltsamen Ekel vor dem Wort „Panne“. Das hatte nichts mit der Wortbedeutung zu tun. Ich erinnere mich zwar, dass wir irgendwann auch mal eine Panne hatten und mit dem grünen VW-Bus am Seitenstreifen der Autobahn standen, während meine Mutter hektische rote Flecken auf den Wangen bekam. Mein Ekelbild von einer Panne sah aber eher aus wie eine kleine schwarze Pfanne, in der so etwas wie Pfannkuchenteig vor sich hin schmorte, dabei aber nach geschmolzenem Kunststoff roch. Dieser Geruch nach Süßem, der sich mit dem Plastikdampf vermischt und der nur in meiner Vorstellung existierte, war es, der Übelkeit und sogar Schwindel in mir auslösen konnte.

Meine Freundin Al. hatte (und hat noch immer) eine Abneigung gegen Waffelmuster auf Stoffen.

Und Ann. erzählte, wenn sie sich früher gefürchtet habe, sei ihre Mutter zu ihr gekommen und habe gesagt: „Aber da ist doch nichts!“ Da Ann. jedoch vom Nichts noch keinen Begriff hatte, fürchtete sie sich umso mehr, weil sie sich nicht erklären konnte, was das sein sollte, das Nichts, das da war. Und weil es so ungreifbar blieb und so unerklärlich, hatten die beruhigend gemeinten Worte ihrer Mutter immer einen gegenteiligen Effekt.

Vom Thema „Nichts“ war es nicht weit zur Unendlichkeit. Als Kind hatte man ja viele Dinge, die man nicht verstand – aber die Unendlichkeit, das war etwas, was auch sonst niemand verstehen konnte. Das war ein Thema, über das man nicht lange nachdenken konnte, ohne sich dem Wahnsinn anzunähern. „Und das ist ja auch heute noch so“, sagte Al. Und das stimmt. Auch heute kann man nicht lange darüber nachdenken, ohne diesem bodenlosen Gefühl wieder allzu nah zu kommen. Das Interessante ist jedoch, wie man heutzutage damit umgeht. Man hat es als Kind erfahren, dass es wohl besser ist, nicht allzuviel darüber nachzudenken, weil es einen sonst schwindelt. Und darum hat man dieses Themenfeld irgendwo an den Rand seines Bewusstseins geschoben, man weiß, dass es da ist, aber man ignoriert es.

Bei der Lektüre eines Buches über die preußische Geschichte sah ich die Länder sich im Schnelldurchlauf verändern, sah, wie sich die Grenzen verschoben, wie Polen geteilt wurde, wie Kriege gewonnen und verloren wurden und wie verschiedene Länder zu Macht und Größe aufstiegen und wieder zerfielen. Das war ein bestimmter Zeitraum, und mitten darin, ganz klein, hatten Menschen gelebt wie ich und waren ihren alltäglichen Geschäften nachgegangen, beeinflusst von den verschiedenen Entwicklungen und Machtverschiebungen, jedoch ohne diese zu überblicken.

Mein gedanklicher Umgang mit der Weltpolitik ist, so scheint mir, ganz ähnlich wie der mit der Unendlichkeit. Weil es mich erschreckt, darüber nachzudenken, über die Größe der Welt, die Dimensionen der Machtverhältnisse und die riesigen Geflechte aus Interessen und Handelbeziehungen, stecke ich nur noch selten den Kopf aus meinen alltäglichen Verrichtungen heraus, um mich dem zu widmen. Tue ich es doch, ist da alsbald dieses bodenlose Gefühl, und mich schwindelt.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Philosophischer Wetterbericht

2 Antworten zu “Panne, Waffelmuster und das Nichts

  1. simonanicolas

    … und wenn ich dann den Kopf aus dem Alltag rausstecke und mir die Weltpolitik anschaue, dann kommt dieser Geruch nach Süßem, der nur in meiner Vorstellung existiert und ausgelöst wird durch so etwas wie Pfannkuchenteig, der mir in den Zeitungen und im Fernsehen dekorativ serviert wird. Wenn ich dann hinschaue, ist es nur eine weitere Panne mit einem bisschen „Nichts“ mit Waffelmuster. Der Geruch lößt Übelkeit und sogar Schwindel in mir aus.

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