Ein Versuch, ein Fenster.

Ich versuche, mir über Dinge klar zu werden. Ich versuche, gleich loszugehen. Ich versuche, in meinen Körper zurückzukehren, ich versuche, meinen Körper zu verlassen und mich ganz in der Konzentration auf einen Text zu verlieren, ich versuche, meinen Körper im Text zu finden. Ich versuche, meinen Gedanken sprachliche Form zu verleihen, ich versuche, sie zu fassen. Ich versuche, die Gedankensprünge und –tänze nachzuvollziehen, ich versuche zu tanzen, ich versuche, zu springen und da zu landen, wo ich landen will. Ich versuche zu lernen, wie man gute Texte schreibt. Ich fühle fremden guten Texten nach. Ich versuche, am Ball zu bleiben. Ich versuche, mich an die Welt anzuschmiegen, meine Wahrnehmung wie ein Schneckenmund, weich und anpassungsfähig, an die Form, in die Form der Dinge hinein. Ich versuche, Dinge zu erkennen. Ich versuche zu verstehen.

Eine Situation in einem Café in Prag. Deutsche Autorinnen und tschechische Autoren treffen aufeinander, es soll ein Austausch stattfinden, es findet ein Austausch statt, aber zugleich treffen die Sprachen aufeinander, die Menschen, die Arten zu sprechen, Humor und Wortwitze, Begegnungen im Moment, unübersetzbar. Ich bin aus den Gesprächen gefallen, lausche auf alles gleichzeitig, verstehe eigentlich nichts und zugleich sehr viel, was sich nicht sagen lässt, ich bin aus mir herausgefallen und habe das Gefühl, ich müsste unsichtbar sein. Es verwirrt mich sehr, als mich einer anspricht – also muss ich doch noch da gewesen sein. „Nein, nein, ich langweile mich nicht, mir geht es gut“, sagt mein Mund, während ich versuche, meine Wahrnehmungsextremitäten wieder einzusammeln und mich an einem Gespräch festzuhalten, an einem Gespräch.

Neben mir sitzt ein anderer, einer mit blauen Augen im Rentierpullover, sitzt erstaunlich nah. Für einen Moment sehen wir uns an, einen Augenblick halten wir inne, Gesicht an Gesicht. Wie wir zurück ins Gespräch gekommen sind, ich weiß nicht mehr. Aber plötzlich stoßen wir an, alle zusammen, noch eine letzte Runde, bevor wir gehen. Die dickwandigen Gläser, das Bier, das dunkle Holz, die Stimmen, die Farben, alles mischt sich, und ich trage es mit mir, als wir hinausgehen ins Dunkle und über die Gleise bis zur Metrohaltestelle. Der eine ruft zum Abschied „Keep on rocking!“ Und der andere, der andere wünscht mir viel Erfolg am Schreibtisch. Am Schreibtisch.

An meinen Schreibtisch hole ich mir die Situation, löffele Suppe, nachmittags, die Situation im Kopf, den Abend, das Dunkel und den Rentierpullover, und weiß selbst noch nicht, wohin mich diese Prager Geschichten führen werden.

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