Musenfalle

Schon wieder hatte ich mir früh, wirklich früh, den Wecker gestellt, um dann gleich am Schreibtisch zu sitzen und mich meinen Texten zu widmen. Als der Wecker klingelte, hatte ich den Satz im Kopf: „Die Verabredung mit deinem Schreibtisch, wenn du schreiben willst, ist wie die Verabredung mit einer Geliebten.“ Vielleicht stand das mal in einem dieser Schreibratgeber. Da lag ich, den Kopf noch auf dem Kissen, und dachte – aber wenn ich die Wahl habe, ob ich eine Geliebte am Schreibtisch treffe oder lieber gleich im Bett — und schon war der Vorsatz dahin. Dösend dachte ich an diese Geliebte, die ich hatte treffen wollen, und es war, als sei sie wirklich da, läge neben mir und ließe sich von mir über den dunkelblonden Schopf streichen. Das war ein gemütlicher Morgen mit meiner Geliebten, geschrieben habe ich nur leider kein Wort, und sie, meine Hand auf ihrem Haar genießend, schwieg.

Vor einigen Tagen auf der Buchmesse hatte ich einen tschechischen Dichter kennen gelernt, der mir von seinen Musen erzählt hatte. Er habe zwei, hatte er mir erzählt – Erato und Euterpe. Leider hatte ich es versäumt, ihn zu fragen, wie sich diese Musen zeigen und wie sich ihr Einfluss in seiner Dichtung äußert. Ich glaube, meine Musen sind nicht solche klassischen griechischen, die sich brav auf ein Gebiet beschränken. Meine Musen sind flatterhafte Gestalten mit wehenden Gewändern und Haaren (ich gebe zu, das ist durchaus klassisch!), die mich in seltsame Räume locken und mir Geschichten einflüstern wollen. „Schau hier“, sagen sie, „komm mit uns wieder in diese Pension, du hast noch gar nicht hinter alle Türen geblickt!“ „Komm hierher unter die Brücke! Hinter dem Gitter im Dunkel, da liegt eine Geschichte für dich!“ Aber sie sind disziplinlos. Sie mögen den Schreibtisch nicht. „Guck mal, die Sonne scheint“, sagen sie, „wir wollen ein bisschen mit den Lichtreflexen auf dem Wasser spielen! Du kannst hier doch nicht allen Ernstes sitzen bleiben! Komm!“, sagen sie, und meine Musen beherrschen ein Fach aufs Beste, und das ist die Verführung.

Ich muss mir eine List ausdenken. Ich brauche einen Musenfänger am Schreibtisch, sowas wie einen Fliegenfänger, an dem sie hängen bleiben. Sie dürfen aber nicht merken, dass sie gefangen sind, sie müssen sich bewegen und flattern können, und ich muss sie nach getaner Arbeit wieder losmachen können, ohne dass ein Haar oder ein Stück Stoff von ihnen am Musenfänger zurückbleibt. Es muss ihnen dort gefallen, sie müssen gerne wieder kommen in diese Arbeitsfalle. Vielleicht würde es reichen, ihre Namen zu kennen. Ich könnte sie anrufen und sie müssten kommen, mich umflattern und mir Worte ins Ohr flüstern. Oder welche Wege gibt es noch, um Musen zu fangen? Ich glaube, ich setze mich einen Moment an die Spree, betrachte das Spiel der Sonnenflecken auf dem Wasser und denke darüber nach.

 

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