Vorlesen. Terry Pratchett: Maurice der Kater

Mein Neffe war krank. Er schleppte sich gen Mittag im Haus der Großeltern nach unten, saß teilnahmslos am Tisch, schlief kurz darauf wieder auf dem Sofa ein. Als er wieder aufwachte, tanzten wir, die ganze Familie, um ihn herum und fragten: Was können wir tun, damit es dir besser geht?

Die Antwort war: Vorlesen. Und plötzlich war das meine Aufgabe.

Das Buch, das mein Neffe gerade las, war „Maurice, der Kater. Ein Märchen von der Scheibenwelt“ von Terry Pratchett. Ich stieg im vierten Kapitel ein, und so dauerte es einen Moment, bis ich mich bei den Personen zurechtfand. Die trugen so seltsame Namen wie „der dumm aussehende Junge“ und „das Mädchen“, aber auch „Gekochter Schinken“ und „Gefährliche Bohnen“.

Gekochter Schinken und Gefährliche Bohnen, Sardinen und all die anderen sind Ratten, die vom magischen Abfall der Unsichtbaren Universität genascht haben und seither ihre Intelligenz dahingehend gesteigert haben, dass sie lesen, sprechen, schreiben und taktieren können. Auch Maurice, der Kater hat mit nämlichen Folgen von diesem Müll gekostet. Gemeinsam mit dem dumm aussehenden Jungen Keith, der Flötenspieler ist, ziehen sie von Stadt zu Stadt, um eine Rattenplage vorzutäuschen, die  dann wie aus dem Märchen bekannt wieder beseitigt wird.

In Bad Blintz, das augenscheinlich bereits ohne ihr Zutun von einer extremen Rattenplage heimgesucht wird und aus diesem Grund gar von einer Hungersnot bedroht ist, stoßen sie auf ungeahnte Hindernisse – und außerdem auf das Mädchen Malizia, eine Nachfahrin der berühmten Erzählerinnen Grimm. Sie fühlt sich dazu berufen, in deren Fußstapfen zu treten, und so misst sie jedes Ereignis an seiner Tauglichkeit für eine Geschichte, was zu sehr seltsamen und besonders komischen Situationen führt.

Die Ratten, Maurice, der Junge und Malizia führen unversehens einen gemeinsamen Kampf gegen die Rattenfänger der Stadt und entdecken dabei, was ganz nach Malizias Geschmack ist, eine finstere Verschwörung.

Ich las bis zum Kapitel elf, unterbrochen nur von einer kleinen Kaffee- und Waffelpause, und davon, dass auch mein zweiter Neffe sich dazugekuschelt hatte. Das Buch (und meine Neffen) machten es mir sehr schwer, einfach wieder aufzuhören. Terry Pratchett ist wirklich ein Meister des Spannungsbogens, und man kann ganz wunderbar studieren wie das funktioniert mit dem Cliffhanger. Ein Beispiel: Malizia, Maurice und der Junge brechen in den Hof der Rattenfänger ein. Die Tür öffnet sich, und Malizia ruft aus: „Oh nein, das ist ja entsetzlich!“ (oder etwas Ähnliches, ich kann das leider grad nicht mehr nachgucken, mein Neffe musste das Buch ja mitnehmen, wie schade.)

Danach ist ein Absatz – und es geht irgendwo im Untergrund mit der Geschichte der Ratten weiter. Und dann- ja, das verrate ich jetzt mal nicht, auf jeden Fall ist es ganz großartig, wie diese Cliffhanger-Geschichte weitergeführt wird. Allein das macht großen Spaß!

Die Ratten sind ebenfalls ganz toll – alles sehr eigene Charaktere, zum Teil richtige Komiker, aber auch Fallen-Entschärfungs-Experten, die in Coolness, Erfahrung und Ausdrucksweise an hartgesottene Agenten erinnern. Es gibt spannungsgeladene Führungskonflikte zu verfolgen, es werden gar philosophische Konflikte wie „Was kommt eigentlich nach dem Tod? Und was passiert dann mit den Träumen in mir drin?“ verhandelt, über die sich die Ratten vorher keine Gedanken gemacht haben. Und moralische Fragen wie: hat man moralische Verpflichtungen gegenüber den „Kiekies“, den nicht-intelligenten Ratten?

Auch Maurice, den Kater treibt auf einmal um, dass er ein Gewissen hat, dass er seiner Nahrung vor dem Verzehr zumindest immer die Chance gibt, etwas zu sagen – und dass er sich plötzlich für seine Weggefährten verantwortlich fühlt, obwohl das gar nicht in der Natur einer Katze liegt.

An der Stelle, als ich aufgehört habe, wurde gerade die Frage aufgeworfen, was eigentlich ein Rattenkönig ist. Es muss sich um etwas sehr Gruseliges handeln – das Wort, das die Ratten dafür fanden, war „Unheil, Unheil, Unheil“. Es fällt mir sehr schwer auszuhalten, dass ich jetzt vorerst nicht weiß, was es damit auf sich hat und wie es Maurice gelingen wird, den Rattenkönig auszuschalten. Es gab da nämlich so Indizien, dass es grade Maurice sein würde. Aber wie? Und was machen die Ratten dabei? Und wer gewinnt den Führungsanspruch? Muss irgendjemand geopfert werden? Und freunden sich Malizia und der dumm aussehende Junge doch noch an?

Es wird Zeit, dass ich wieder meinen Bruder besuche und dabei ganz unauffällig das Buch aus dem Regal nehme und in meiner Tasche verschwinden lasse.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

2 Antworten zu “Vorlesen. Terry Pratchett: Maurice der Kater

  1. Hi, das ist eine gute Buchrezension. Dachte aber es ginge um die Tätigkeit des Vorlesens.

    • Hallo- Danke für das Lob für die Rezension – und auch für die Kritik der Fehl-Leitung. Die Überschrift lässt wohl tatsächlich Verschiedenes erwarten. Worum geht es denn genau in Deinem Blog, dass Dich die Tätigkeit des Vorlesens interessiert? Besten Gruß! frintze

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s