Jaroslav Rudiš: Die Stille in Prag

Das Buch „Die Stille in Prag“ des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš hat mich von der Konstruktion her an den Film „Amores Perros“ erinnert: Die Geschichten sehr unterschiedlicher Menschen – einem Aushilfs-Straßenbahnfahrer, einer Kulturwissenschaftlerin, einer jugendlichen Punkmusikerin, einem amerikanischen Anwalt, eines älteren, stillefixierten Witwers – werden dadurch miteinander verwoben, dass sie auf ein gemeinsames Ereignis zusteuern. Der Leser folgt den Figuren beim Ablauf eines Tages, vom Morgen bzw. der Nacht vorher bis zum Abend, an dem ein Konzert stattfindet, zu dem sie alle gehen. Im Verlauf des Tages gibt es verschiedene Momente, in denen sie einander begegnen, einander fast begegnen, auf ähnliche Dinge blicken oder über ähnliche Dinge nachdenken.

Alle sind auf der Suche nach Liebe, nach Sex, trauern verlorenen Lieben nach oder sind im Begriffe, gerade die Liebe ihres Lebens zu verlieren.

Zudem spielt Musik als Motiv eine große Rolle – The Cure, Placebo, Tocotronic.

Es macht Spaß, das Buch zu lesen, dieser Konstruktion zu folgen, den Spuren nachzugehen. Es entsteht ein Gesellschaftsabbild, ein Eindruck der Zeit. Europa, Kapitalismus, Zukunftslosigkeit, Richtungslosigkeit und eine große Sehnsucht nach Zeiten mit mehr RocknRoll, aber RocknRoll war irgendwie gestern. Von allen Seiten her brennt es, es ist nur eine Frage der Zeit, bis der große Knall kommt, und man schwankt zwischen komplettem Neuanfang, Auswandern oder Reihenhäuschen.

Das Bild, das hier von der tschechischen Gesellschaft gezeichnet wird, ist der deutschen weitaus näher als einem lieb ist. Vieles, was da an Dekadenz, Sinnlosigkeit, absurdem Handeln, Unentschiedenheit etc. gezeigt wird, kommt einem doch von hier allzu bekannt vor, mit dem einzigen Unterschied, das Berlin als rettender Sehnsuchtsort, in den der Nordwind eine erfrischende Brise bringt, hier bei uns auch nicht mehr vorhanden ist.

Ein sehr gutes, gut konstruiertes Buch, das von einer großen Sehnsucht getrieben wird. Aber Sehnsucht wonach eigentlich? Und ich bin nach der Lektüre ein bisschen deprimiert. Ein seltsames Leben führen wir!

 

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