Christine Wunnicke: Die Kunst der Bestimmung

Letzte Woche war Vollmond und ich konnte nicht einschlafen. Beim Blick aufs Bücherregal fiel mir dieses Buch ins Auge, das mir eine sehr belesene Freundin vor längerer Zeit schon zum Geburtstag geschenkt hatte: „Die Kunst der Bestimmung“ von Christine Wunnicke. Den Anfang hatte ich auch schon mal gelesen, wie ich am Lesezeichen erkennen konnte – und es etwas abgeschreckt wieder weggelegt, weil es im Jahr 1678 spielt, und auf einen Historienschinken hatte ich da keine Lust. Zudem noch zu Beginn Schweden im Winter, Rentierschlitten, zerschlissene Handschuhe – nein, auch auf einen Abenteuerroman hatte ich keine Lust. In dieser Vollmondnacht aber war das Buch meine Rettung in der Schlaflosigkeit, und vor allem zeigte sich, dass ich mich sehr getäuscht hatte. Zwar wird mit großer Genauigkeit das Weltbild und die Lebensrealität der Zeit abgebildet, eigentlich geht es aber, wie der Titel schon sagt, um die Kunst der Bestimmung, also um die Fähigkeit, Dinge einzuordnen, in Gattungen, Spezies, Arten und Unterarten. Und dieses Thema weist, wie man sehen wird, sehr über die geschilderte Zeit hinaus.

Der Protagonist Simon Chrysander, ein Wissenschaftler aus Schweden, wird aufgrund seiner herausragenden Leistungen im Bereich des Einordnens und Bestimmens von der Royal Society in London eingeladen, um den musealen Bestand der Gesellschaft zu sichten und zu katalogisieren. Bei einem Ausflug ins Bordell trifft er in einer hoch erotischen Situation auf Lucy, eine Unschuld vom Lande, die eine außerordentliche Anziehung auf ihn ausübt. Lucy entpuppt sich jedoch als der junge Lord Lucius Fearnall, der sich mit Chrysander einen Scherz erlaubt hat. Die Begleiter des Earls richten den Wissenschaftler übel zu, und so ist es nicht verwunderlich, dass dieser, als er wieder auf den jungen Earl trifft, diesem nicht sehr freundlich gesonnen ist.

Lucius, ein gelangweilter junger Edler, der im barocken London seine Zeit mit Rollenspielen, mit Putz, Tand, Schauspielerei und Täuschungen herumbringt,ist jedoch heiß entflammt für Professor Chrysander und wild entschlossen ihn zu erobern. Und auch Chrysander steht Lucius nicht gleichgültig gegenüber, kann sich dies aber nicht eingestehen. In dem von Lucius inszenierten Verführungsspiel wechseln Kostüme und Methoden in einem unaufhaltsamen Reigen, bis  es sogar zu einem Duell kommt. Die Sehnsucht danach, endlich vom Professor „bestimmt“, erkannt und als das angenommen zu werden was er ist, treibt Lucius bis hoch in den lappländischen Norden.

Es ist sehr schwer, über dieses Buch zu schreiben, weil es auch in seiner Konstruktion so eigen, so unbestimmt ist. Die Situationen werden oft aus der Sicht von Randfiguren geschildert, so dass es der Interpretation dieser Figuren und des Lesers obliegt, die Verhältnisse einzuschätzen. Und schon sitze ich da und möchte schreiben: Chrysander hegt Gefühle für Lucius – aber eigentlich weiß ich darüber nichts, mir wird nur gezeigt, worauf sein Blick ruht und wie er sich verhält, wenn der Earl mal wieder in einer neuen Verkleidung aufgetreten ist. Und das ist das Besondere an diesem Buch – es behandelt die Kunst der Bestimmung auf so vielen Ebenen. Da ist der Professor, der die Natur katalogisiert und darin besonders bewandert ist, der sich aber bei der Einordnung des Earls Fearnall im zwischenmenschlichen Bereich großen Schwierigkeiten gegenüber sieht und dem daraufhin auch seine Kategorien in Bezug auf ihn selbst abhanden kommen. Und zudem sind da die Nebenfiguren und der Leser, die dem Geschehen folgen und dabei auch eine permanente Bewegung des Einordnens nachvollziehen, Thesen aufstellen, mit diesen Thesen völlig falsch liegen oder sich zu hanebüchenen Theorien hinreißen lassen. Mit großer sprachlicher Präzision wird hier ein Netz aufgespannt, das trotz dieser Genauigkeit Interpretationsräume offen lässt und einmal mehr demonstriert, wie unzureichend unsere Beschreibungsmöglichkeiten eigentlich sind.

Sowohl diese grandiose Konstruktion, die Konsequenz, mit der die Idee durchgeführt wird, aber auch die Spannung, die in der Liebesgeschichte liegt – oh, und nicht zu vergessen, dass es die Liebesgeschichte zwischen zwei Männern ist, die ich dahinschmelzend mitverfolgen kann wie eine ordentliche Vorabendschmonzette – das macht, dass mich dieses Buch schwer beeindruckt hat. Kein Wunder also, dass ich lesen musste, bis längst die Sonne aufging, und ich ließ sie nicht gerne aus den Händen, den Professor Chrysander und Lucius Fearnell.

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