Wo kommen die Ideen her? Fenster und Netze

Die Frage danach, wo man eigentlich die Ideen hernimmt, soll ja in Interviews und Gesprächen mit Künstlern die Hassfrage sein, neben der nach dem autobiographischen Bezug. Ich muss ja sagen, ich finde diese Frage außerordentlich interessant, aber wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem man die Frage auch nicht leiden kann, nämlich weil sie so schwer zu beantworten ist. Wie kommt das denn – eben noch lief man irgendwo herum, sah auf einen Fluß oder auf das Gesicht eines Fremden in der S-Bahn – und zack! auf einmal ist sie da, die Idee. Oder stimmt das gar nicht? Trägt man sie schon länger mit sich herum und nur auf einmal – zack! – werden Dinge verknüpft, die vorher unverbunden waren, und die Idee nimmt Gestalt an?

Für meine hiesigen Blog-Artikel befallen mich die Ideen zumeist irgendwo im Alltag, eben tatsächlich in der Bahn oder beim Spazierengehen. Oft sind sie von Dingen ausgelöst, die ich gerade kurz vorher gelesen hab, oder eben von Beobachtungen. Ich mag es, Verknüpfungen zwischen Dingen herzustellen, die zunächst unverbunden waren, und wenn man das gut hinkriegt, scheint zwischen diesen neu verknüpften Dingen etwas auf. Ein bisschen so, als würde man ein Netz aufspannen und etwas Neues darin einfangen.Die Idee dazu bekomme ich, indem ich durch die Welt laufe, vor Augen das, was da eben ist, und im Kopf das, was da eben ist, und zack! – schon stelle ich Verknüpfungen her, und manchmal passen die ganz prima zusammen und ich muss „nur noch“ dieses Stück Welt ausschneiden und aufs Papier bzw. in den virtuellen Raum hineinkleben. Solche Texte, solche Ideen finden sich dann hier im Blog.

Wenn ich stattdessen eine Geschichte erfinde, ist das mit der Idee etwas anders. Da ist es eher so, dass sich eine Tür öffnet. Manchmal auch in einer Situation – ich spreche mit einem Mädchen, das sehr gerne singt, und sie erzählt mir, dass sie eigentlich in einer Band spielen möchte, aber noch nicht die richtigen Leute gefunden hat, jemand, der daneben steht, sagt, oh ja, sie singt so gut, sie muss zu „Deutschland sucht den Superstar“ – und während mir das Mädchen vorsingt, habe ich schon die Geschichte im Kopf, vom Teenager-Mädchen, das eine Band gründet und dabei die grässlichen Teenager-Hürden nimmt.

Haha, grade, während ich das aufschreibe, denke ich, oh nein, nicht dass mir jemand die Idee klaut. Aber das geht ja gar nicht – meine Idee, die ist ja wie eine Tür in eine Welt, und ich habe schon in diese Welt hineingeschaut – aber wenn ich mit dieser Beschreibung hier für jemand anderen eine Tür geöffnet habe, geht er ja in eine ganz andere Welt als in meine.

Als ich darüber nachdachte, wie das so aussieht mit der Ideen-Tür, die sich öffnet, musste ich an das Buch „Das magische Messer“ von Philip Pullman denken. Da gibt es einen Jungen, der im Kampf ein Messer erobert, mit dem er Fenster in die Weltenmaterie schneiden kann.

So ähnlich wie die dort geschilderten Öffnungen sehen meine Türen in meine Ideenwelt aus. Mein Blick wird ein anderer, weil ich durch die Augen einer Figur sehe. Ich habe ein anderes Gefühl für die Dinge, nämlich das Gefühl dieser Figur. Weil es eine kleine Öffnung ist, ist der Ausschnitt, den ich als erstes sehe, begrenzt. Lustigerweise habe ich auch gleich die Begrenzungen der Geschichte im Kopf – wann sie anfängt, wie sie ungefähr aufhört und welche Entwicklungen die Personen nehmen. Das kann sich beim Schreiben auch noch ändern, aber bestimmte Dinge bleiben so, wie ich sie in meinem ersten kleinen Fenster gesehen habe.

Ich weiß aber, wenn ich mich hinsetzen würde und schreiben würde, käme ich in diese Welt, würde mehr sehen und mehr Einblick gewinnen, ich würde mehr Personen kennenlernen, vor allem auch genauer. Ich habe immer etwas Angst, mich in diesen anderen Welten zu verlieren, wobei das ja Quatsch ist – ich bleibe an meinem Schreibtisch und trinke meine Tasse Kaffee aus.

 

 

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Nachrichten vom Schreibtisch

2 Antworten zu “Wo kommen die Ideen her? Fenster und Netze

  1. „… nicht dass mir jemand die Idee klaut“. Ich hatte schon die eine oder andere Idee, eine für eine Fotoserie. Ich habe gezaudert, mich an finanziellen Hindernissen gehindert gefühlt (na klar, das spielt schon eine Rolle. Hätte ich jedoch recherchiert, hätte ich ‚rausgefunden, dass sich dies auch mit wenig Geld machen lässt [grosse Prints, professionell für eine Ausstellung]) schlussendlich hat die selbe Idee jemand anders umgesetzt, erst noch modern unter Verwendung von sozialen Medien.
    Daher meine Frage: Ist die „Idee“ immer exklusiv? Oder hat es viel mehr mit der Ausgestaltung derselben zu tun, um einzigartig zu sein? Ich glaube, nur wenige Menschen haben die absolut brandneue Idee. Der ganze Rest lässt sich inspirieren von bestehendem und macht dennoch einen super Sache draus. Aus diesem Grunde habe ich meine „Idee“ noch nicht aufgegeben. Neben anderen, neuerdings 🙂
    Ideen kommen und gehen. Und manchmal ist man nicht wach genug, die Ideen quasi einzufangen. Zumindest mir geht es so. Seit ich fokussiert an meinem Weblog arbeite, „fliegen“ die Ideen zu. Ich halte dies allerdings für einen Idealzustand, der Rest ist Arbeit. Zumindest bei mir, meine Fotoideen wollen erarbeitet und geplant sein.
    Nun haben wir es mit der Bloggerin „frintze“ mit einer tollen Autorin zu tun, die fokussiert ist und extrem sensibel die Umwelt wahr- und aufnimmt (ich erlaube mir diese Sichtweise) und so zu ihren Resultaten kommt. Damit riskiert sie eine „Übersteuerung“ (wei bei einem früheren Kassettendeck, welches sich beim Aufnahmepegel im roten Bereich bewegt), hält sie aber gut aus, wie ich finde.
    Ich bin sehr gespannt, was Weiters noch kommen wird!

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