Jaroslav Rudiš: Himmel unter Berlin

Und wieder hatte ich in der Nacht das Buch eines tschechischen Autors beim Wickel, wieder von Jaroslav Rudiš: „Himmel unter Berlin“. Diesmal ist aber nicht Prag der Spielort, sondern Berlin, und das Buch ist auch schon von 2002, also etwas älter als das andere. Es spielt also im Knapp-Nach-Neunziger-Berlin, der Protagonist Petr wohnt nach einer Flucht aus Prag, vor der Vaterschaft, dem Lehrerberuf und vielleicht einfach dem Erwachsenwerden, in Berlin, wo er sich dem RocknRoll-Leben hingibt. Seine große Liebe gilt allerdings Zügen und insbesondere der Berliner U-Bahn: Er spielt in einer Band, die U-Bahn heißt, spielt in der U-Bahn Gitarre, wie der Zufall will, kommt er auch noch mit der Tochter eines U-Bahnfahrers zusammen und unterhält sich gern mit ihrem Vater und dessen Kollegen.

Petrs Streifzüge durch die Stadt, zu Partys und Konzerten, aber auch in beschauliche Plattenbauwohnungen und zuweilen in die eigene Vergangenheit führen das gewisse Party-Berlin vor Augen, aber auch die Verbindungen und Vorurteile zwischen Tschechen und Deutschen. Die Geschichte von Berlin mit Zweitem Weltkrieg und Wendezeit wird sowohl in Außenbeschreibungen der Stadt und der U-Bahnhöfe vorgeführt wie auch im Kaleidoskop der  der Lebensläufe und Lebensumstände von allerhand Randfiguren – Taxi- und U-Bahnfahrer, Huren, Zuhälter, Partygäste…

Am liebsten mochte ich allerdings diese Vision der Schatten, die Geister von Selbstmördern, die im Berliner Untergrund herumschleichen – eben im titelgebenden „Himmel unter Berlin“.  Mit der Figur des Selbstmörders Bertram, der sich aus nicht näher geklärtem Grund vor die U-Bahn geworfen hat, verlässt Rudiš etwas die Partywelt und lässt etwas anderes aufscheinen – da regt sich mal kurz so eine erzählerische andere Welt. Von dieser Art hätte ich gern mehr gelesen.

Ähnlich wie in der „Stille über Prag“ hat mich hier allerdings der omnipräsente Sexismus gestört. Alle denken die ganze Zeit nur ans Vögeln, in den Probenräumen sind Frauen auch nur erlaubt, wenn man sie zum Vögeln mitgebracht hat, und die Erfahrungen mit den verschiedenen Frauen werden gern mal in einem Heft vermerkt – wie locker oder heiß oder steif wie n Brett sie war. Und auch Musik macht man nur, um als Sänger der Band Frauen abzuschleppen. Eine andere Motivation im Leben als Sex scheint es eigentlich nicht zu geben.  (Außer bei der Eisenbahnertochter, die unbedingt nach Island will, wobei Petr da nicht so recht kapiert warum.) Wenn die Leute nicht grad vom Vögeln besessen sind, dann vom Zugfahren. Das trübt für mich den ansonsten ganz positiven Eindruck von diesem sehr stimmungsvollen und zum Teil recht poetischen Buch.

 

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