Mark Childress: Abgebrannt in Mississippi

Dieser Tage war ich in der Bibliothek, und neben dem Buch über Selbstmanagement, das ich mir aus Business-Gründen ausgeliehen habe, musste es auch noch ein Schinken sein, etwas zum Verschlingen. Etwas planlos schlenderte ich durch die Belletristik-Regale, von S zu O, an D vorbei – und wo blieb ich hängen? Bei C, C wie Childress. Von Marc Childress hatte ich angestiftet von meiner Freundin A. irgendwann, es wird so um 1997 herum gewesen sein, das Buch „Verrückt in Alabama“ gelesen. Eine Zeitlang waren wir auch alle ganz verrückt, nach Lucille, der Frau, die den Kopf ihres Mannes in der Tupperschüssel mit sich führt. Die Südstaaten, Rassenunruhen, Siebziger Jahre und skurrile Situationen bei Bestattungen (gleich am Anfang kriegt einer was mit dem Spaten auf den Kopf) – das faszinierte uns sehr.

Darum war ich begeistert, in der Bibliothek auf „Abgebrannt in Mississippi“ von Marc Childress zu stoßen. Zugegeben, das klingt nach einem Remake, der Versuch, an den Erfolg des ersten Buches anzuknüpfen. Aber erstens ist nach zehn Jahren so ein Remake trotzdem amüsant und zweitens stand mir ja auch der Sinn nach etwas, das sich gut verschlingen lässt.

In „Abgebrannt in Mississippi“ spielt ebenfalls in den Siebzigern. Die Familie eines Handelsvertreters für Pestizide und Düngemittel muss für den Job des Vaters andauernd umziehen. Der neuerliche Umzug nach Jackson, Mississippi, beginnt schon sehr dramatisch: der Transporter der Umzugsfirma hat einen Unfall und fackelt auf der Autobahn ab. Die Familie muss komplett neu anfangen.

Der sechzehnjährige Daniel findet auf der Schule gleich einen neuen Freund – Tim Cousins, der ebenso wie er scharfzüngig und schlagfertig ist. Beide sind nicht eben sportlich und gehören dementsprechend eher der Riege der Loser an.  Die Situation auf der Schule ist außerdem davon geprägt, dass seit diesem Schuljahr auch Schwarze auf der Schule zugelassen sind.

Außerhalb der Schulzeit ist Daniel in erster Linie damit beschäftigt, auf Geheiß seines herrischen Vaters den Wuchs des heimischen Rasens einzudämmen – Rasen in den Südstaaten, soviel habe ich gelernt, das muss ein Albtraum sein.

Wie in allen College-Geschichten kommt irgendwann die Prom-Night, das entsprechende Schul-Date, das Ausleihen der Fracks, des Autos… An sich ist es eine Schulball-Geschichte wie so viele: der Abend ist für Tim und Daniel von all den Peinlichkeiten geprägt, die Pubertierenden das Leben zur Hölle machen. Das Besondere hier ist, dass das in Jackson vormals Undenkbare geschieht und Arnita Beecham, eine Farbige, zur Ballkönigin wird. In der Nacht verunglückt sie, woran Tim und Daniel nicht unbeteiligt sind, wobei sie dies verschweigen, weil Tim Angst vor einem Konflikt mit der Polizei hat. Daniel, ständig hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, die Wahrheit zu sagen und loyal zu seinem Kumpel zu sein, verschweigt die Angelegenheit schließlich doch und verpasst alle Gelegenheiten, doch noch alles aufzudecken. Dies wird ihm zum Problem, als sich eine Liebesgeschichte zwischen ihm und der genesenden Arnita entspinnt. Daniel und Arnita stoßen auch Vorurteile und Ablehnung, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Und auch die Vorurteile gegen Schwule, das wird alsbald deutlich, sind allseits präsent. In eine Rand-Episode spielen Daniel und Tim in einer christlichen Musicalband und der Leser gewinnt Einblicke in die Doppelmoral der Kirchen zu dieser Zeit, weil alle sich das Deckmäntelchen der Braven überhängen, aber hinter den Kulissen gekifft, geknutscht und rumgemacht wird, was das Zeug hält. Am Ende gibt es noch einen Final Show Down, bei dem einiges zu Bruch geht und es sogar Tote gibt.

 

Marc Childress hat in diesem Buch einmal mehr versucht, die angespannte Zeit in den Siebziger Jahren in den Südstaaten zu portraitieren. Er hat sich aber dadurch selbst ein Bein gestellt, indem er alles aus der Sicht seines Protagonisten erzählen lässt. Dabei sieht der Leser alles durch die Augen von Daniel, aber zugleich soll er mehr kapieren als Daniel. Diese Sicht ist etwas schwierig in der Konstruktion, vor allem auch darum, weil Daniel rückwirkend erzählt und somit ja eigentlich doch schon alles weiß, was uns hier mühevoll veborgen bleiben soll.

An vielen Stellen bleibt der Roman bei einer High-School-Coming-o f-age-Geschichte stehen, wie es sie schon hunderttausende gegeben hat, und ist dann eher langweilig. Spannend wird es da, wo der Autor sich mit den Vorurteilen auseinandersetzt. Arnita als Ballkönigin, die Gespräche darüber, Arnitas Mutter, die das schlechte Gewissen Daniels wegen des Unfalls ausnutzt, um ihn für sich arbeiten zu lassen – der weiße Junge, der für die schwarze Frau das Haus anstreicht… Aber auch da ist die Perspektive das Problem. Daniel, der auch in der Unfallgeschichte zu schwach ist, um Stellung zu beziehen, ist das auch in all diesen Konstellationen. Die verschiedenen Situationen werden einem aus seiner Sicht vorgeführt, und neben der Beschreibung gibt es da immer das Rätseln darüber, wie es so weit hat kommen können und auch die Suche nach einer richtigen Position. Natürlich sollte man davon ausgehen, dass dem Autor das nicht nur so passiert ist, sondern dass er diesen etwas mäandernden Protagonisten absichtsvoll so gestaltet hat. Dennoch bleibt ein etwas schaler Geschmack, wenn Daniel sich andauernd für seine Unentschiedenheit und Bewegungslosigkeit rechtfertigt und um Verständnis dafür buhlt, dass er Arnita nicht ordentlich verteidigt, weil er „nun mal nicht so einer ist“. Oder, an anderer Stelle, wenn er mit Homosexualität konfrontiert wird und nach Kräften versucht, sich in der Außendarstellung davon zu distanzieren.Wobei man dem Buch definitiv zugute halten muss, dass es auch für den Leser all diese Fragen der Selbstpositionierung aufwirft.

Insgesamt kommt es mir so vor, dass Childress hier sehr viel auf einmal wollte – ein Abbild einer Zeit schaffen, eine Familiengeschichte erzählen, eine Liebesgeschichte und die Geschichte einer Freundschaft, undwährenddessen noch Vorurteile gegenüber Schwulen und Schwarzen thematisieren. All diese Dinge kommen auch zur Sprache und werden erzählt – aber trotz der 480 Seiten, die der Roman füllt, hatte ich den Eindruck, dass die Dinge jeweils mehr Raum erfordert hätten und dass weniger manchmal mehr gewesen wäre. Also, so ganz und gar gut finde ich das Buch nicht. Dennoch habe ich es in einer Nacht verschlungen, und zum Denken bleibt auch nach dem Verfassen dieses Textes noch einiges übrig.

 

 

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3 Antworten zu “Mark Childress: Abgebrannt in Mississippi

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