Vom Wegsein und Wiederkommen

Einen Monat lang war ich im November in Prag, einen Monat lang von zu Hause weg. So fremd ist Prag ja nicht, immer noch schön mitteleuropäisch, ich war ja auch schon mal da, es war also gar nicht unbekannt. Ich streifte dort allein durch die Straßen und versuchte mich in die Geschichte der Stadt hineinzufühlen, und natürlich fielen mir die Dinge auf, die anders sind als in Berlin – die engen Gassen, die Häuschen, zum Beispiel, und dass die Begrenzungen, die Fußgänger davon abhalten sollen, quer über die Straße zu gehen, rotweiß gestreift sind und nicht einfach nur weiß, und dass sie genau so viel höher sind in Prag, dass ich nicht mehr bequem drüber steigen kann so wie in Deutschland.

Ich ging sehr viel zu Fuß dort, ließ mich in der Stadt treiben, versuchte mich an tschechischen Sätzen, wobei die Kommunikation letztlich doch eher über Mimik, Hände und Situation funktionierte oder über die Brückensprache Englisch; ich genoss es, in der Straßenbahn nicht zu verstehen, wovon die Leute reden, und empfand den Sprachverlust zugleich als Hindernis. Einen Monat lang dachte ich, es ginge darum, Prag besser kennen zu lernen. Ich riss Augen und Ohren auf, um die Eindrücke in mich hineinströmen zu lassen.

Als ich wieder zu Hause war, drang die Stadt auf mich ein, die Gespräche der Menschen in der U-Bahn, die ich liebend gerne nicht verstanden hätte. Zugleich war da die Erleichterung, beim Bäcker einfach rundheraus sagen zu können, was ich möchte, und dazu noch einen kleinen Schwatz halten  – wie schön. Doch dass Berlin so groß ist, so preussisch geprägt, so rechtwinklig und eckig und kalt – das hatte ich vorher nie gemerkt. Und auch mein Alltag setzte sich wieder mit einem Tonnengewicht auf meine Schultern – ein Gewicht, das mir vorher gar nicht bewusst gewesen war.

Weggehen und wiederkommen – das ist darum so gut, weil man nicht nur etwas Neues kennen lernt, sondern dass einem auch das Alte neu wird durch den am anderen Ort geschärften Blick.

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