Black Betty von Walter Mosley

Wie bereits angekündigt, bin ich in einen Südstaaten-Schwerpunkt hineingeschlittert, einfach durchs zufällige Auswählen von Büchern aus dem Regal. Das letzte Buch dieser Art war „Black Betty“von Walter Mosley. Eine Freundin hatte es mir mal zum Geburtstag geschenkt mit dem Hinweis, es sei ihr Lieblingskrimi. Und ich muss sagen, sie hat nicht zu viel versprochen.

Easy Rawlins, die Hauptfigur in diesem Roman, ist ein ziemlich harter Kerl. Aufgewachsen in den Südstaaten, verdingt er sich als Detektiv in L.A.  Dabei ist er allerdings immer auf der Hut vor der Polizei, denn man schreibt das Jahr 1961, und Easy ist schwarz. Von Seiten des Staates ist da also nicht viel Unterstützung zu erwarten, und auch sonst bringt Easy den Menschen, insbesondere den Weißen, eine gehörige Portion Misstrauen entgegen. Im Verlauf der Story zeigt sich, dass er damit auch recht hat – ihm wird trotz seiner Vorsicht des Öfteren übel mitgespielt. Das allein empfand ich schon als Besonderheit dieses Buches – innerhalb kürzester Zeit wird klar, wie sehr man an die „typische“ Perspektive „männlich, weiß, heterosexuell“ gewöhnt ist und wie sehr es ein anderer Blick auf die Welt ist, der einem hier vorgestellt wird.

Zu Beginn erhält Easy Rawlins den Auftrag, nach einer Frau zu suchen, die er von früher kennt – nach Betty. Betty ist eine besonders attraktive Frau, der die Männer nachlaufen und die das auch ausnutzt. Sie hat bei einer reichen weißen Familie als Dienstmädchen gearbeitet; jetzt ist die Familie auf der Suche nach ihr, angeblich, um ihr eine Erbschaft zukommen zu lassen. Doch Betty ist unauffindbar. Bei seiner Suche durchmisst Easy Rawlins die Stadt und die Umgebung bis hin zur Wüste. Er begegnet vielen verschiedenen Menschen, von denen er viele schon lange kennt – ein Netz aus gegenseitigen Verpflichtungen, Anschuldigungen, Versäumnissen, Versprechungen, Hoffnungen, Enttäuschungen … Obwohl der Detektiv also viele Beziehungen pflegt, ist immer klar, dass er auf sich allein gestellt ist. Er ist ein klassischer einsamer Streiter, und zudem auch ordentlich „hard-boiled“, wie sich das gehört. Ein Beispiel: Einmal fährt er noch durch die halbe Stadt mit dem Auto, obwohl ihm jemand einen Eispickel in den Rücken gesteckt hat. Und jammert nicht mal sonderlich darüber. Das ist auch erstaunlich: ich konnte mir den Typ wirklich gut vorstellen, der wird sehr plastisch, gar körperlich. Warum das bei manchen Büchern funktioniert und bei manchen nicht?

Etwas, das diesen Roman noch besonders macht, ist die unprätentiöse Erzählhaltung. Easy Rawlins erzählt rückblickend die Ereignisse, verrät aber (natürlich) nie zu viel, lässt seine Meinung durchblicken, ohne dass sie einem allzu FETT aufs Brot geschmiert wird, und obwohl alles grundsätzlich sehr schlicht beschrieben ist, gibt es Formulierungen, die sind zum Aufspringen und zum ZAPPELN gut – zum Beispiel, wenn er mit einer Prostituierten einen besonderen Abend verbracht hat und sie sich am nächsten Tag verabschieden und es heißt: „Das Glücksrad der Gesichtsausdrücke blieb schließlich bei einem traurigen Lächeln stehen“. (Mist. Ich habs auf englisch gelesen, das ist meine Spontanübersetzung, und leider ist die nur halb so sehr zum Heulen schön… Aber wirklich! Da sind GANZ GROSSE SCHÄTZE drin!)

Dass das Buch neben seiner Qualität als spannender Krimi auch noch politische Sprengkraft hat und lakonisch die Situation der Schwarzen im Amerika der frühen Sechziger vorführt, ist da nur ein zusätzliches Bonbon. Und wirklich, wirklich – man könnte es ja fast bemüht nennen – aber es werden alle Fäden zusammengeführt; es gibt keine Redundanzen. Also, wirklich gut gemacht, das Ganze!

Wenn ich das jetzt mit „Abgebrannt in Mississippi“ vergleiche, stelle ich fest, Walter Mosley hat eine sehr viel entschiedenere Position, verheddert sich nicht so in seinen eigenen Erzählfäden wie Childress – beherrscht tatsächlich souverän sein Handwerk.

Also her mit noch mehr Easy-Rawlins-Romanen!

 

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