Der Golem in mir

Gestern gab es das mal wieder, dass ich vor dem Schreibtisch scheute. Diesmal waren es aber mitnichten die flatterhaften Musen, die mich stattdessen an die Spree zerren wollten, sondern es war so eine dickköpfige Trägheit, von der ich befallen war. Mit Mühe brachte ich mich dazu, wenigstens ein paar Zettel zu sortieren, immer nur um den Arbeitsplatz kreisend und in stetiger Zwiesprache mit mir selbst – was ist denn los? Was ist denn das Problem? Nach einigen – oh ja, ich muss es zugeben! – Stunden dieses halb unfruchtbaren Treibens hatte ich mich bis an meinen Rechner vorgearbeitet, endlich das richtige Programm geöffnet, endlich mit weiteren weitschweifigen Annäherungsbewegungen auch das richtige Projekt, und schließlich hatte ich mich darein so weit festgebissen, dass ich es sogar, wie ich musste, pünktlich zur heutigen Deadline zum Abschluss gebracht habe. Und trotzdem die Frage: warum nur immer diese Mühe? Was ist denn nur los?

Mit etwas Abstand kann ich heute morgen sagen: ich trage in mir ein schweres Wesen aus Lehm, das untergründig meinen Arbeitsalltag bestimmt. Leider ist es der Sprache nicht mächtig, so dass die Verständigung etwas schwierig ist. Seine Möglichkeiten, mir etwas mitzuteilen und mich in die richtige Richtung zu bringen, sind Trägheit und Gewicht. Diese Masse kann auch ganz in meinem Sinne eingesetzt werden, und dann geht die Arbeit wie geschmiert – hui! Eine Schlittenfahrt, kantapper, kantapper, den Berg hinab. Und auch Trägheit und Starrsinn sind ja manchmal gut, wenn ich so lange an etwas sitzen bleibe, bis es auch wirklich fertig ist. Aber manchmal – so wie gestern – kann ich mich abmühen und den schweren lehmigen Sack, der ich dann bin, anzutreiben versuchen und vergeude nur entsetzlich viel Kraft dabei. Viel besser ist es dann, herauszufinden, was er denn hat, mein innerer Golem. Er sträubt sich nämlich nie ohne Grund. Ich bin nur mit meinem dummen Kopf, in dem viel zu viele Gedanken und Worte drin sind, oft zu blöd, das zu kapieren. Und da brauche ich diesen schweren, unbeweglichen Klumpen Lehm in mir drin, der mir bedeutet: „Hallo! Da gibt es vorher noch ein Problem, um das du dich kümmern musst!“ Oft liegt es daran, dass ich den 17. Schritt vor dem ersten machen will. Gestern: ich wollte mit der Arbeit loslegen, aber mein Golem fand, ich müsste erst mal den Arbeitsplatz so einrichten, dass es auch Spaß macht, da zu sitzen. Und vorher rührt er sich keinen Meter.

Heute morgen sind wir schön im Einklang aufgestanden, mein Golem und ich. Ein leichter, guter Morgen, und der Lehmkloß will mit mir tanzen. Also, auf geht’s – dem habe ich nichts entgegenzusetzen!

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Nachrichten vom Schreibtisch

Eine Antwort zu “Der Golem in mir

  1. Hallo!

    WIki: „Der Golem ist eine Figur der jüdischen Legende, die in Böhmen, aber auch anderswo in Mitteleuropa verbreitet war. Dabei handelt es sich um ein in menschenähnlicher Gestalt aus Lehm gebildetes Wesen, das durch Magie zum Leben erweckt wurde. Der Golem besitzt besondere Kräfte, kann Befehlen folgen, aber nicht sprechen.“
    Also kann GOLEM Befehle befolgen. Laut Deinem Text befolgt er diese aber nur dann, wenn er damit auch einverstanden ist (wenn ich das richtig verstehe). Er hat also sehr wohl auch eine mahnende, sinnvolle Wirkung. Ich kenne ihn eigentlich recht gut. Heute, anlässlich eines Treffens mit einer klugen Frau, wurde mir klar, dass sich gewisse Dinge nicht überlisten lassen. Im Gegenteil: Man muss ihnen den Freiraum gewähren, den sie benötigen. Andererseits kommt „er“ irgendwann hinterher, und dann kompromisslos, gewaltig und ohne jede Rücksicht auf die Situation, die dann gerade vorherrscht. Dennoch finde ich, dass es gewisse Realitäten gibt: Sei es ein Abgabetermin (den Du ja perfekt eingehalten hast) oder auch langfristige Projekte. GOLEM dient vielleicht der allgemeine Orienterung und quasi als Mahner für offene Pendenzen; trotzdem müssen, so glaube ich, manchmal mindestens 2 Schritte genommen werden, um, wenn die Zeit dann da ist, wieder einen zurück zu gehen.
    Das Spannungsfeld liegt doch zwischen den Dingen, die vermeintlich „sofort“ erledigt werden müssen und den wirklich wichtigen Dingen, die anstehen. Ich denke, die Kunst liegt in der Gewichtung der anstehenden Aufgaben und derPlanung (wie auch immer dies geschieht) deren Erledigung.
    GOLEM kann als Mahner dazu dienen zu erkennen, was WIRKLICH WICHTIG ist, um dies vom alltäglichen Rest abzugrenzen. Bloss muss der Rest irgendwann überwunden werden. Und es ist der unerledigte Rest, welcher sich auftürmt und anfängt, den immensen Raum einzunehmen, welcher ihm eigentlich gar nicht zusteht, alleine durch seine mittlerweile angewachsene Masse. Zumindest ich habe damit oft zu kämpfen. Viel Glück also!

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