Korrigieren oder: Die Eiheimischen baden im Mehr

Eine der vielen Tätigkeiten, mit denen ich mein Geld verdiene, ist das Korrekturlesen. Im Moment habe ich eine Doktorarbeit auf meinem Schreibtisch, in der es um Reiseberichte geht. Die Autorin ist russische Muttersprachlerin, und meine Aufgabe ist nun, den Sprachfluss, der zuweilen etwas an Yoda aus Star Wars erinnert, in etwas geradere Bahnen zu lenken. Leider fällt mir das Dranbleiben grade schwer.

Schuld ist, dass  es sich um Reiseberichte handelt. Immer wieder werden Zeitungsartikel zitiert, die einen nach Italien entführen wollen, nach Andalusien, auf kalifornische Küstenstraßen oder an die weißen Strände einer polynesischen Insel. Wie soll man denn da dranbleiben? Wie soll man da NICHT anfangen, sich in Träumereien über die beschriebenen Urlaubsgebiete zu verlieren?

Dazu kommt, dass die von Zeit zu Zeit auftretenden Formulierungsfehler einen auch noch von der Sache ablenken. So steht da, dass ein Artikel eine Funktion „erfühlt“. Fühlen oder füllen – nur dieses kurze oder lange Ü erzeugt ein ganz andere Gefühl (oder Gefüll). Und wie hat man sich das vorzustellen, dass ein Artikel fühlt? Das stimmt doch irgendwie auch, dass Texte fühlen – man spricht da allerdings eher vom Nachspüren. Texte (oder sind es ihre Autoren? Oder ihre Leser? Oder schön alle zusammen?) spüren einer Sache nach, fühlen sich in eine Situation ein, verfolgen Argumentationsstränge oder stellen Problematiken dar. Das sind höchst lebendige Bewegungen, die mir mit dem Wort „fühlen“ viel besser bezeichnet scheinen als mit dem Erfüllen einer Funktion.

Und dann der eine ausgelassene Buchstabe, der mich ganz ausgelassen auflachen ließ: Die Eiheimischen. Entweder wohnen die im Kühlschrank im Eierfach oder sie wohnen auf einem ungewöhnlichen Eiland. Sie haben auf jeden Fall eiförmige Köpfe und wohnen in ebensolchen Häusern. Und sie heißen Sheldonsdottir und Einarsson.

Kaum hatte ich mich nach einer kurzen Kaffeepause davon erholt (ich hatte mich beim Milch eingießen auch davon überzeugt, dass keine Eiheimischen meinen Kühlschrank bevölkerten), stieß ich auf die Frage: ist da eventuell das Mehr? Das könne man mit Hilfe einer Karte visualisieren. Aber wo ist es denn das Mehr? Ist es nicht überall um uns? Wächst es eigentlich wirklich stetig? Und was hilft da eine Karte?

„Jetzt mach aber mal n Punkt!“ rufe ich der Autorin der Doktorarbeit beim Lesen immer mal wieder zu, wenn sie schon wieder viel zu lange Sätze macht und die Dinge, die gedanklich ordentlich getrennt gehören, in endlosen Reihen aneinanderhängt. Ich glaube, dieser Ausruf ist das einzige, was auch mir jetzt gegen meine gedanklichen Ausflüge hilft. Wenn ich jetzt nicht mal bald einen Punkt mache, passiert es am Ende noch und ich ertrinke im Mehr.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Nachrichten vom Schreibtisch, Philosophischer Wetterbericht

3 Antworten zu “Korrigieren oder: Die Eiheimischen baden im Mehr

  1. patze matratze!

    ich will auch zu den eiheimischen! ich mag es, wenn du das schwere so leicht machst…

  2. Sehr amüsant zu lesen. Danke! Eine nette Abwechslung an einem arbeitsamen Nachmittag, an dem ich eigentlich im Garten in der Erde wühlen wollte.

    • Danke! Hab auch grad auf Deinem Blog ein wenig gestöbert – so auf den ersten Blick scheinen wir ja ganz gut zusammenzupassen! Ich werd da noch mal ausführlicher reinschauen! Herzliche Grüße und viel Erfolg beim Bloggen!

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