Vindings Spiel von Ketil Bjornstad

Ein anderer Schwerpunkt meiner Lektüre in der letzten Zeit waren seltsamerweise Coming-of-Age-Romane – nicht geplantermaßen, sondern eher weil die mir in die Hände fielen oder aus irgendwelchen Gründen in meinem Regal standen. Dort vorgefunden habe ich „Vindings Spiel“ vonKetil Bjørnstad.

Aus der Sicht von Aksel Vinding wird die Geschichte der Familie Vinding erzählt, die seit dem Tod der Mutter, die bei einem Badeunfall ums Leben kam, langsam aber sicher auseinanderdriftet. Aksel, seine ältere Schwester Cathrine und der Vater bleiben allein zurück, und die gesamte Atmosphäre in der Familie ist von Sprachlosigkeit gekennzeichnet und davon, dass jeder für sich mit seinen Hoffnungen und der drohenden Zukunftslosigkeit kämpft.

Aksel, der angeregt von der Mutter eine Karriere als Pianist anstrebt, schmeißt die Schule, ohne seinem Vater etwas davon zu sagen. In der gewonnen Zeit bereitet er sich auf ein wichtiges Vorspiel vor. Cathrine geht auch nicht mehr zur Schule, sondern hat stattdessen eine Affäre mit einem älteren Mann.  Der Vater, schon immer erfolglos mit seinen Immobiliengeschäften, schlittert auf eine Pleite zu. In all dem hat Axel nur zwei Leidenschaften, nämlich das Klavierspiel und die Nachbarstochter Anja Skoog, obwohl er nie mit ihr gesprochen hat.

Aksel ist umgeben von einem Freundeskreis aus weiteren ehrgeizigen Jungpianistinnen, die sich mit ihm gemeinsam auf den Wettbewerb vorbereiten. Was er nicht ahnt: dass auch Anja Skoog, angetrieben vom Ehrgeiz ihres Vaters, dafür übt.Beim Wettbewerb selbst überstrahlt sie alle, und Aksel, der bis zu Anjas Auftreten als heimlicher Favorit galt, schneidet weitaus schlechter ab als gedacht.

In mehreren Begegnungen entwickelt sich die Beziehung zu Anja Skoog, obwohl sie Aksel immer undurchsichtig bleibt und sich trotz aller Hinwendung zu ihm, die zugleich immer wieder spürbar wird, doch stets entzieht.

Erste sexuelle Erfahrungen macht er dementsprechend mit einem anderen Mädchen aus dem Klavier-Freundeskreis, Margrethe Irene, obwohl sein Verhältnis zu ihr ambivalent bleibt und sein eigentliches Interesse weiterhin nur Anja Skoog gilt. Diese bereitet sich auf ihr Debüt-Konzert vor, wird dabei aber vom Ehrgeiz ihres Vaters und ihrer berühmten Lehrerin Selma Lynge dazu getrieben, über die eigenen Grenzen hinauszugehen.

Die Handlung des Romans geht nur sehr langsam voran, man schwimmt gewissermaßen gemeinsam mit Aksel in dem Kleinstadtgrau seiner Jugendzeit, das von Klavierstunden, Übungen, den Gesprächen über das Klavierspiel, das Debütieren, aber auch maßgeblich vom Schweigen angefüllt ist. Seltsamerweise wird einem das nicht langweilig, sondern man bleibt dran und liest gerne weiter von den düsteren Tagen und den Massen von Zeit in dem von der Mutter verlassenen Haus.

Sehr gut gemacht ist, dass diese drückende Atmosphäre von verdrängtem Schmerz und Depression über allem lastet, ohne dass jedoch der Erzähler selbst depressiv ist. Er steckt zwar darin, kennt aber vielleicht gar nichts anderes, und bleibt so fast unberührt davon.

Ähnlich geschickt arbeitet Bjørnstad die Beziehungen zwischen den Menschen heraus. Aksel erzählt von Situationen und Begegnungen, ohne sich wirklich darüber klar zu sein, was die anderen über ihn denken; dennoch wird dabei erkennbar, wie die anderen Personen zu ihm stehen, dass sie ihn heimlich anhimmeln oder anziehend finden, dass sie eifersüchtig sind etc., ohne dass ihm selbst das bewusst wäre. Und das ist das Besondere und zugleich das Seltsame: dass der Erzähler Dinge erzählt, von denen er vermeintlich selbst nichts weiß. Und so ist dem aufmerksamen Leser anhand der Dinge, die Aksel beobachtet, auch schon längst klar, was es ist, was Anja Skoog immer wieder von Aksel wegtreibt.

„Vindings Spiel“ ist also ein sehr gut gemachtes und geschickt erzähltes Buch, das einem sehr ans Herz zu legen ist – jedenfalls, wenn man nicht vor dem Eintauchen in außerordentlich schmerzliche und depressive Stimmungen zurückschreckt.

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