Franz Kafka: Das Schloß

Zugegeben, das ist keine sonderlich ungewöhnliche Wahl; ich habe nicht eben das unbekannteste Werk aus meinem Regal gezogen. Es war aber zumindest von mir noch ungelesen: „Das Schloß“ von Franz Kafka. Und nach meinem Prag-Aufenthalt und den vielen Wegen über den Hradschin (und dennoch war ich nicht DRIN, in der Prager Burg!) lag es doch nahe, die Geschichte von K. aufzunehmen. Obwohl es ja heißt, es es habe eine ganz andere Burg als Inspirationsquelle gedient, eine Burg in der böhmischen Provinz.

Und seit letztem November also steckte ich drin, immer wieder, in diesem endlosen, nicht vom Fleck kommenden Buch. Immer wieder ein paar Seiten vor dem Einschlafen (nein, kafkaeske Albträume habe ich nicht davon bekommen), kein Wunder, dass es dann lange dauert mit den immerhin 359 Seiten (ohne die Fragmente im Anhang), und vor allem wusste ich schon von Freundinnen, die das vor Jahren gelesen hatten, dass es letztlich doch auf nichts hinausläuft und irgendwo aufhört, dass es also ein fruchtloses Bestreben ist, an das Ende dieses Buches zu kommen, weil es ja gar kein Ende hat. So entsprechen einander Form, Inhalt und eigene Leseerfahrung; fast könnte man sagen, das ist beängstigend.
Zumal die Story von K., der einfach nicht zur Burg durchdringt, einfach nicht seine Tätigkeit als Landvermesser aufnehmen darf, sich immer wieder falsch verhält, es aber auch kein „richtig“ gibt, das augenfällig wäre – zumal also diese Story und das permanente In-der-Bürokratie-stecken-bleiben einem zuweilen vorkommt wie ein Kommentar auf das eigene Leben, während man mit der Steuererklärung kämpft oder sich über haarsträubende Vorschriften beim Anträge stellen aufregt.

Aber Moment, man sollte doch zunächst eine kurze Inhaltsangabe machen, bevor man sich schon über Umstände und Interpretationen hermacht, oder? Was aber ist da der Inhalt?

K., ein Landvermesser, kommt in das Dorf, in das er gerufen wurde, um hier seine Tätigkeit aufzunehmen. Es weiß aber keine so recht Bescheid, er wird nicht eben herzlich empfangen, und an das Schloß, das weiter entfernt ist und von dem K. meint gerufen worden zu sein, bleibt ihm unerreichbar. Er bleibt im Ort, so lange seine Lage ungeklärt ist, hat zwei Gehilfen an der Seite, die aber auch recht ungreifbar bleiben, er verlobt sich mit Frieda, einem Ausschankmädchen im Brückenhof, nimmt eine Stelle als Schuldiener an und wird schließlich doch zu einem Verhör eingeladen.

Bezeichnend ist, dass alle Begegnungen in einer Schwebe bleiben. Obwohl sehr detailgetreu und ausführlich die Begegnungen geschildert werden, ist immer unklar, wie die Aussagen der Personen zu nehmen sind – lügen sie? Spielen sie K. etwas vor? Intrigieren sie? Oder sind sie ganz wahrhaftig? Genauso rätselhaft bleiben die Antworten und Reaktionen K.s. Sind seine Einschätzungen richtig? Begeht er grade eine Unhöflichkeit oder Unverschämtheit? Es bleibt immer eine Spannung bestehen, die sich nicht auflösen lässt. Weil die Personen sich zwar in endlosen Passagen über ihre Situation, Geschichte, Motivation etc. auslassen, sollte man ja meinen, dass da ein Austausch stattfindet. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass alle aneinander vorbeireden und dass man trotz der vielen Worte eigentlich nichts über die Personen erfährt; nichts Gesichertes, nichts Bleibendes. Besonders deutlich wird das an der Liebesgeschichte mit Frieda. Einerseits gibt es da die gegenseitigen Beteuerungen und die Verlobung – andererseits gibt es Gespräche, in denen sich zeigt, dass die beiden sehr unterschiedliche Wahrnehmungen vom Geschehen haben. Frieda trennt sich später von K., die Gründe dafür bleiben spekulativ und es kommt auch nicht zu einem klärenden Gespräch. Stattdessen liefert das Zimmermädchen Pepi eine ganz andere Einschätzung Friedas, die Frieda als berechnende Intrigantin schildert und auch K.s Gefühle für eher zweifelhaft hält. Wessen Sicht hält man nun für die Richtige?

Ganz wie das Kafka-Klischee verlangt, empfindet man bei der Lektüre in ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Machtlosigkeit; zum einen, weil K.s Weg zu Schloß so aussichtslos ist, zum anderen aber, weil man als Lesende ja auch nicht vom Fleck kommt und eigentlich nichts Gesichertes über das Geschilderte sagen kann. Und das alles in dieser eleganten, genauen Sprache. Zum Verzweifeln ist das – und zugleich wunderbar schön. Wie kann es nur sein, dass ich das Buch jetzt doch zu Ende gelesen habe? Ein Teil von mir rennt gewiss ein Leben lang noch gegen diese Lektüre an, bleibt immer auf dem Weg zum Schloß und steckt auf ewig in den Mühlen der kafkaesken Bürokratie.

 

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