Lesung von Vladimir Sorokin: Der Schneesturm

Am 14. September 2012 gab es im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in Berlin eine Lesung des russischen Schriftstellers Vladimir Sorokin. Der Name war mir noch aus einem der Slawistik-Seminare bekannt, die ich mal besucht habe, und ich verband ihn mit der russischen Literatur, die unter dem Ladentisch verkauft wurde, weil sie offiziell, von Staats wegen, gar nicht geben durfte. Meine kurze Recherche vor der Veranstaltung ergab, dass Sorokin in der Zwischenzeit mehrere Romane geschrieben hatte, die sich in erster Linie dadurch auszeichneten, dass er ein fiktives Russland der Zukunft zeichnet, in dem die typischen Klischees der Literaturvergangenheit aber noch immer herumgeistern: Pelzmützen, Pelzstiefel, Bäuerinnen, Soldaten, Tschakos, zarenartige Figuren. Und es wird viel geflucht, gevögelt, gesoffen, ganz wie man das von einem Russen erwartet. Na, ob mir das heute im Haus der Berliner Festspiele gefallen wird, dachte ich.

Sorokin hat etwas längere weißgraue Haare; eine Haarwelle steht wie eine Schneewehe über seiner Stirn und lässt ihn etwas eitel erscheinen. Er hat ein erstaunlich symmetrisches Gesicht für einen Mann in seinem Alter (er ist Jahrgang 1955), und dass er einen grauen Bart hat, aber sein Mund und seine hellen Augen noch so jugendlich aussehen, hat mich die ganze Zeit irritiert, wenn ich ihn ansah.

Die Lesung war zweisprachig – zwei Auszüge seines Romans „Der Schneesturm“ las Vladimir Sorokin auf russisch vor, den anderen Teil las ein Schauspieler, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, mit auf die Nase vorgeschobener Lesebrille auf deutsch.

Die Moderation übernahm Uli Hufen, der Autor eines Sachbuchs über russische Gaunerchansons, und hatte damit die schwierige Aufgabe, das Gespräch auf Deutsch und auf Russisch zu führen und denen, die nicht beider Sprachen mächtig waren, dennoch genug Inhalt zu übermitteln. Immerhin musste er nicht dem Autor noch alles haarklein übersetzen, da Sorokin augenscheinlich sehr gut deutsch versteht.

Sorokin las sehr in sich gekehrt, und ich, die ich kein russisch verstehe, war sehr fasziniert von der Verschlungenheit und zugleich Einförmigkeit der russischen Sprache. Ob das eine Eigenheit Sorokins ist, fragte ich mich, oder ob das immer so ist, dass das Russische nur vorne und unten hinten im Rachen angesiedelt ist und nie weiter nach oben vordringt. Auch später, als man Sorokin zu seinem Roman und zur Lage in Russland befragte, blieb er dieser verhaltenen Art zu Sprechen verhaftet – beinah als sei er irgendwie verkatert. Was er sagte, muss aber wohl trotzdem hellwach, witzig und auf den Punkt gewesen sein, jedenfalls lachten alle, die russisch konnten, sehr oft und herzlich. Das war etwas, was Uli Hufen schuldig blieb – warum da etwas witzig war, hab ich leider nie kapiert. Aber Witze, die trocken, kurz und auf den Punkt kommen, wie das augenscheinlich bei Sorokin der Fall war, zu übersetzen, ist nun wirklich eine besondere Kunst; dafür sollte man den Moderator wohl nicht angreifen, und irgendwas fehlt ja immer bei der Übersetzung.

Aus dem Roman „Der Schneesturm“ wurden also zwei Stellen gelesen – der Anfang und eine Stelle später. Und das, was ich vorher über Sorokins neueste Werke gelesen hatte, zeigte sich sogleich wieder: das Geschehen spielt irgendwo in der russischen Provinz, es ist eine Epidemie ausgebrochen, und ein Arzt, die Taschen voller Impfstoffe, ist auf dem Weg in die betroffene Region, um die Menschen dort medizinisch zu versorgen. Doch auf der Station, wo er strandet, sind keine Pferde mehr zu haben. Das kommt einem doch so vor, als habe man es schon in mehreren russischen Erzählungen gelesen, und man fühlt sich, als sei man irgendwo im 18. oder 19. Jahrhundert. Dann haben sie aber plötzlich Telefon auf der Station und rufen irgendwo an – das passt ja wohl zeitlich nicht ganz. Und das Gefährt, in dem der Doktor schließlich seine Reise fortsetzt, den Kutscher Krächz auf dem Kutschbock (oder am Steuer? Das war jetzt noch nicht zu erfahren), ist ein zunächst nicht näher bestimmtes „Mobil“, das von „Pferdis“ angetrieben wird, Pferden, die so klein sind, dass man sie in die Tasche stecken kann.

Während der Lesung fiel mir auf, dass es doch alles sehr adjektivreich beschrieben wird, und dass der Kutscher „Krächz“ heißt, ging mir leider auch gleich auf die Nerven. Ob man da nicht etwas Griffigeres hätte finden können als grade Krächz? Was soll das denn für n Spitzname sein? Aber sonst, das muss ich zugeben, hatte mich die Szenerie bald gepackt, und ich kann mir vorstellen, dass es sehr viel Spaß macht, das Buch zu lesen. In der nachfolgenden Diskussion hieß es, es sei ein „hoffnungsloses, aber zugleich sehr lustiges Buch“, und ich finde, das klingt nach einer gelungenen Kombination. Dass die in der zweiten Lesestelle auftretende Müllerin in erster Linie durch das Wogen ihres ausladenden Busens und durch ihre Fraulichkeit besticht – nun ja, wenn man sich schon in einer Welt der russischen Stereotypen bewegt, sollte man sich wohl über Genderklischees nicht wundern. Das, allerdings, würde ich gerne noch mal bei der Lektüre des ganzen Buches nachprüfen: Hat man das Gefühl, dass diese Klischees und Stereotypen eher zementiert werden? Oder dient diese seltsame Verfremdung mit dem Ansiedeln in einer verwunderlichen alt-neuen Zukunfts-Science-Fiction-Welt auch einer Auflockerung?

In der Diskussion ging es noch um die Rolle der Intelligenz in Russland (Intelligenz, das konnte man immer so einigermaßen verstehen, auch wenn russisch gesprochen wurde), und es hieß, dass dort unterdessen eine „Austrocknung“ der Sprache der Intelligenz vonstatten geht, wie dem Autor bei einer Reise nach Kalifornien bewusst wurde, wo er Exil-Russen traf, die noch die Sprache der Intelligenz der 70er sprachen. Im Gefühl dieser Veränderung und dieses Verlusts habe Sorokin das Buch geschrieben. Und so viel wurde auch verraten: es gibt kein glückliches Ende. Aber vielleicht ist es ja wenigstens ein bisschen lustig.

 

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