Sounds der Woche (26)

Schwanensee, frequenzbeschnitten. In der Bibliothek saß ich, um zu recherchieren, da will man ja seine Ruhe haben. Die Amerika-Gedenk-Bibliothek ist dafür aber nur bedingt geeignet. Die Arbeitsplätze an den Fensterbänken über der Heizung sind offen zu dem großen Raum mit den Bücherregalen hin, und auch der Schreibtisch der Person, die die Zeitschriften ausgibt, ist mitten darin. Andauernd wurde man in seiner Lektüre gestört von irgendwelchen Menschen, die laut nach vorbestellten Zeitschriften verlangten oder sonstige Hilfe des Bibliothekspersonals beanspruchten. Neben mir saß ein Student, las in seinen Jura-Büchern und machte sich Notizen. Als wieder eine ältere Dame irgendwo in den Regalen hinter uns lauthals ihre Verzweiflung darüber kundtat, die Werke eines bestimmten Autors  gar nicht in angemessener Vielzahl auffinden zu können, weil sie das Prinzip der Magazinbestellung nicht verstanden hatte, schaltete er seinen mp3-Player ein. Die Dame war irgendwann still, doch aus den Kopfhörern des Studenten neben mir tönte jetzt Schwanensee, die dramatische Szene, wenn der Zauberer Rotbart eine Welle schickt, die den Prinzen und seine Geliebte verschlingen soll. Die Musik aus dem mp3-Player war frequenzbeschnitten-  keine Tiefen, kein Feuer, nur Gewisper, der Geist einer Ballettmusik. Und es blieb nicht nur eine Geisterstimme. Eine Welle erhob sich aus allen Büchern in der ganzen Bibliothek, eine Welle aus Stimmen überschwemmte mich – Gewisper, die Geister der Texte, die mir zuraunten, was mich erwarten würde, wenn ich sie läse, wenn ich mich ihnen öffnete, wenn, oh wenn nur, oh Rotbart, ich mich endlich vernünftig konzentrieren könnte.

An dem Tag hat das nicht mehr geklappt, obwohl man sich in der AGB auch Ohrenstöpsel aus dem Automaten ziehen kann.

Herbst. Ich ging die Stresemannstraße hinunter, und es war noch ganz sonnig und sommerlich, so trocken und staubig und zum Blinzeln in der Luft. Da drang es mir ins Ohr, dieses typische Herbstgeräusch: all die gelben wirbelnden Blätter, die sich ganz gleichmäßig auf dem Bürgersteig verteilt hatten, rutschten rau und knisternd über die Gehwegplatten. Das Rauschen vom Wind in den Bäumen war auch noch da, und das mischte sich mit diesem trockenen Blättergeräusch, das umgab mich ganz, die Sonne, das Rauschen, das vielblättrige Kratzen, und sofort hatte ich Lust auf Mandelprinten.

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