Vladimir Sorokin: Der Schneesturm

Seltsam. Seltsam ist das Wort, das mir zu diesem Buch einfällt.

Die Anfangssituation kommt einem irgendwie bekannt vor: Der Arzt Platon Garin ist auf dem Weg nach Dolgoje, da soll er Menschen impfen, die von einer Epidemie bedroht sind, doch es ist Winter und an der Poststation sind keine Pferde mehr zu haben. Obwohl ein schrecklicher Schneesturm tobt, findet er Krächz, einen Brotkutscher, der ihn zu seinem Ziel bringen soll.

Da fängt es aber auch schon an seltsam zu werden. Zum einen haben die Leute in der Poststation Telefon – das kommt einem schon vor wie eine Seltsamkeit. Dann hat Krächz ein „Mobil“, eine Art Schlitten, der aber von „Pferdis“ angetrieben wird, Kleinausgaben von Pferden, von denen vier Stück in eine Pelzmütze passen, wie man später erfährt. Die Dimensionen der Dinge verschieben sich im Laufe des Romans immer wieder, es gibt kleinwüchsige Menschen, die sich an einer Gurkenwarze festhalten können und aus einem Fingerhut Schnaps trinken, aber auch sechs Meter große Riesen, die zum Eichen fällen angestellt werden. Man wickelt sich Fußlappen um die Füße, kann aber mit Hilfe eigenartiger „Technologie“ selbstwachsende Filzhütten bauen. Und zugleich spielt ja alles im Schneesturm auf dieser Straße nach Dolgoje, die zugeschneit ist, alles bedeckt vom Schnee, so dass die Seltsamkeiten, die da in der Erinnerung der beiden Hauptfiguren Krächz und Garin vorkommen, wie dunkel abgesetzte Wegmarken im Schnweeweiß dieser Winterreise stecken.

Das Ganze liest sich wie ein etwas schräger Fantasy-Roman, der einen doppelten Boden aus Anspielungen hat, wobei einem (mir?) der Großteil dieser Anspielungen entgeht, weil es sich um russische Geschichte, Gesellschaftskritik, um russisches Zeitgeschehen handelt. Sollte man mal nach Russland gefahren sein? Würde man dann die Anspielungen besser verstehen?

Im Gespräch bei der Lesung aus dem Buch sagte Sorokin, es ginge um diese Typen aus der russischen Literatur, aber auch Geschichte – den Kutscher aus dem „Volk“ und den Intellektuellen. Er sagte aber auch, dass der Intellektuelle als Typus im Schwinden begriffen ist und sich die Lage in der russischen Gesellschaft diesbezüglich sehr verändert. Sein Roman setze gewissermaßen auch dieser Figurenkonstellation ein Denkmal.

Das ist auch seltsam an dem Roman: ich erkenne, dass darin mit diesen Typen gespielt wird, ebenso wie mit Geschlechterklischees, aber ich fühle mich außerstande zu beurteilen, ob das ein gelungenes Spiel ist oder nicht, weil mir dafür der gesellschaftliche Kontext fehlt. Ist das ein neuerliches Hervorbringen und damit auch Zementieren von Klischees? Das wehmütige Denkmalsetzen für Dinge und Personen („die schöne Müllerin“), die längst und unwiederbringlich vergangen sind? Oder wird da nicht nur hervorgebracht, sondern zugleich unterwandert, umgewendet, kritisiert?

Die Geschichte von der Reise durch den Schneesturm mit den ungleichen Protagonisten Garin und Krächz kommt einem zugleich vor wie eine Parabel, aber was wird da eigentlich womit parallel gesetzt?

In den amazon-Kritiken heißt es, es ginge um das heutige Russland. Ok. Zugleich wird aber deutlich, es geht auch um das Leben selbst, um Ziele, die man sich setzt, und um Prioritäten, um den Umgang mit dem „Lebenswerk“, darum, was von einem bleibt, welchen Wert man sich und anderen beimisst… Ja, ich komme aus der Lektüre heraus und stelle fest, ich habe mir einige dieser großen Fragen noch mal gestellt.

Das ist wohl auch das Seltsame: während des Lesens taucht man ein in diese Schneelandschaft, in diese Welt, die voll ist von Größenverschiebungen, von Anachronismen und Science-Fiction-Visionen, so vieles erscheint einem fremd und sehr weit weg – und am Ende stellt man fest, dass das alles weitaus mehr mit einem selbst zu tun hat als einem zunächst bewusst ist. Und genau so seltsam ist der Effekt, dass man es erst für ein auf Komik hin geschriebenes Buch hält – und am Ende steht man von der Lektüre auf und ist ganz melancholisch. Ach. Ich mag Sorokin.

 

Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

6 Antworten zu “Vladimir Sorokin: Der Schneesturm

  1. Pingback: Lesung von Vladimir Sorokin: Der Schneesturm | frintze

  2. Ahoi, ich bin zwar erst auf Seite 68, aber es gefällt mir recht gut. Kennst Du noch anderes von Sorokin? Ich hab vorher „Die Schlange“ gelesen, stilistisch und inhaltlich ja komplett anders.

    • frintze

      nee, ich hab vorher nix gelesen, nur was über ihn an der uni gehört vor ein paar jahren. mir wurde aber die eis-trilogie neulich mal empfohlen, wobei ich vermute, dass das ähnlich seltsam ist wie Der Schneesturm.

      • Sodele, bin jetzt durch und werde die Tage meine Rezension anschließen. Vor allem muss ich aber noch Deinen Text über die Lesung konsumieren. Ich habe mir nämlich vor Jahren von einer Bekannten aus Moskau sagen lassen, dass Sorokin persönlich sehr unangenehm sein soll. Was ich hier im Text durchblitzen sehe, klingt da ganz anders. 🙂

      • frintze

        na da bin ich gespannt auf deinen text! ich fand sorokin nicht übermäßig unangenehm – etwas arrogant, aber lustig (glaube ich, wobei ich ja die russischen witze nicht verstanden habe.) aber ich weiß auch nicht, ob so eine lesung wirklich repräsentativ ist…

  3. Pingback: Vladimir Sorokin – Der Schneesturm | Muromez

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s