Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz von Wilhelm Genazino

„Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ – der Titel ist ja schon so seltsam kleinteilig. Darunter steht zwar „Roman“, aber eigentlich handelt es sich um eine große Ansammlung von Reise-Kurztexten. Jede dieser Miniaturen ist für sich genommen eine wunderschöne Beobachtung. Genazino gelingt es, vom Kleinen ausgehend ins Große zu weisen, und das jedes Mal. Die Abschnitte sind selten länger als drei Seiten, und jede dieser Seiten ist außerordentlich dicht – das alles am Stück durchzulesen, das geht überhaupt nicht, so ist es auch nicht gedacht; das wäre, als ob man eine ganze Packung Pralinen auf einmal aufißt – irgendwie schade drum. Und so genießt man Abschnitt für Abschnitt dieser Beobachtungen des Ich-Erzählers W., der zunächst in Frankfurt weilt, in seinem Zimmer über seine Hose, Musik, eine letzte Birne am Baum, seine Schnürsenkel oder das einem Passanten aus der Hose hängende Hemd reflektiert. In Cafés, auf Partys, in Bushaltestellen – überall im Alltäglichen findet W. Ausgangspunkte für seine Betrachtungen. Über Kunst wird da auch nachgedacht, über Lieblosigkeit und ganz viel über die Liebe.

Eine meiner Lieblings-Szenen ist die, in der er ins Café geht und von dort seine Freundin Gesa anruft, um ihr die Geräuschkulisse in ihre Wohnung hinüber zu übertragen. Wie das beschrieben wird, das Klingen in diesem italienischen Café! Dann reisen sie zusammen, aus Frankfurt erst nach Wien, dann nach Paris und schließlich nach Amsterdam. Überall sind sie, die Zimmer, die Läden, die Verlust- und Wiederfinde-Spiele von Gesa und ihm, und immer ist da nicht nur die Schönheit dieser Augenblicke, sondern auch der Schmerz darüber, dass sie sogleich wieder vergangen sind. Das schwingt natürlich auch mit, wenn einem auffällt, dass die Personen auf ihrer Reise sich im Restaurant das Telefon geben lassen, dass es Kohleöfen gibt und man Genever trinkt und dass Gruftie-Jugendliche auf der Straße rumhängen: die unwiederbringlichen Achtziger Jahre.

Ach, dieses Buch! Das war wirklich das Schönste, was ich seit langem gelesen habe. Das Dichteste. Das Beste. Ach, Genazino.

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