Die grünäugige Lady von Catherine Gaskin

Ich muss zugeben, hier handelt es sich wieder um ein „Schrottbuch“, eines von denen, die ich in Augenblicken der Schwäche lese, um mich abzulenken oder zu entspannen. Es ist mir wieder am U-Bahnhof Leinestraße begegnet, wo es am U-Bahn-Kiosk eine Kiste mit Büchern gibt. Für 50 Cent, nein, sie haben sie unterdessen sogar runtergesetzt, für 30 Cent kann man sich irgendwelche Second-Hand-Bücher mitnehmen. Jedes Mal denke ich: Nein, Du hast schon genug Bücher zu Hause! Und dann passiert es doch und ich kann nicht anders, ich muss stöbern, und irgendwas fesselt meinen Blick… Diesmal: der Titel. Im Zusammenhang mit der Buchmesse gab es ja dieses seltsame Phänomen, dass über die Lesung von Annika Scheffel beim Empfang der Kritiker in der Suhrkamp-Villa überall nur zu lesen war, dass eine Figur mit „rahmspinatgrünen Augen“ vorgekommen sei. Das musste wirklich sehr eindrücklich gewesen sein, wenn wirklich ALLEN Kritikern nichts anderes aufgefallen war. Oder hatte nur einer überhaupt zugehört und die anderen hatten dann bei ihm abgeschrieben? Und wie kommt es bloß, dass die Leute dann lieber über die „Generation Rahmspinat“ schreiben als darüber, was ihnen vorgelesen wurde? Eines dieser unlösbaren Rätsel des Feuilletons! Dabei hätte ich zu gerne gewusst, worum es in dem Buch von Annika Scheffel geht. Und grade als ich darüber nachdachte, lag da dieses andere Buch in der Bücherkiste: Die grünäugige Lady. Verdammt. Schon wieder konnte ich nicht dran vorbei.

Die Augen dieser Lady sind allerdings eher blassgrün als rahmspinatgrün, und zunächst mal ist sie auch gar keine Lady, sondern ein armes verlassenes Mädchen im australischen Busch. Ihr Vater ist gerade gestorben, und ihr Bruder hatte nichts Besseres zu tun, als zu den Goldgräbern abzuhauen und sie sitzen zu lassen. Wir befinden uns nämlich irgendwo im 19. Jahrhundert, und das Mädchen Emma ist in den Fängen eines Bösewichts, der ihre hilflose Lage schändlich ausnutzt. Gleich am Anfang steht aber ihre Flucht vor ihm, und oh! – das erste Mal eine Pistole abfeuern und den Bösewicht niederstrecken. Und Emma bittet eine Familie um Hilfe und um Asyl. Tatsächlich darf sie bei den Maguires bleiben, wo sie sich nützlich macht. Die Tochter der Maguires, Rose, ist wunderschön, aber unfähig zum Arbeiten. Emma hingegen ist nicht schön, aber hat Buchhaltung gelernt. Und das ist dann auch der Grundkonflikt: die schöne Rose wickelt alle um den Finger und Emma ist superfleißig, aber dann nur der Kumpel. Und irgendwann kommt DER Mann in die Familie, Adam. DER Mann, auf den sowohl Emma als auch Rose ein Auge geworfen haben. Zugleich gibt es Unruhen in der Goldgräberstadt, an denen die Söhne der Maguires beteiligt sind. Es wird geschossen, es brennt, es gibt Tote, einer der Maguire-Söhne stirbt. Und Adam, Adam stirbt nur darum nicht, weil Emma für ihn in die Barrikaden rennt und die Soldaten daran hindert, ihn zu erschießen. Und dann hat sie sogar eine Wunde von einem Bajonett im Arm! Adam fragt sie daraufhin, ob sie ihn heiraten will. Aber mit dieser Hochzeit ist noch gar nichts entschieden! Rose will ihn immer noch, und Adam, ob der sich beherrschen kann? Immerhin war er doch auch schon die ganze Zeit verliebt in Rose! Oder etwa nicht?

Obwohl der Lektor in mir beim Lesen die ganze Zeit streichen und „redundant“ und „Wiederholung!“ an den Rand schreiben wollte und auch wenn ich mich am Ende gefragt habe, warum es am Anfang die Story mit dem Bösewicht brauchte und warum es den Bruder überhaupt gab, wenn der gar nicht wieder auftaucht, kurzum, auch wenn dem Buch eine weitere Überarbeitungsphase ganz entscheidend wohlgetan hätte, funktioniert es, dass man sich sogleich mitten in diesem vergangenen Goldgräber- und Schafezüchter-Australien befindet. Und es ist spannend und herzzerreißend, und auch wenn die Typen „die Wunderschöne“, „die Tüchtige“ und „der Stolze“ und „der reiche Waschlappen“ schon sehr klischeeartig beschrieben werden, lässt sich während der Lektüre doch gut über solche Konstellationen nachdenken. Auch wenn das in der Realität ja selten so deutlich getrennt ist und jeder in sich Anteile von diesem und jenem trägt. Oh, und da ich grade das Wort „jenem“ sehe: das hat leider wirklich genervt, dass derjenige, der das Buch übersetzt hat, eine zu große Leidenschaft für das Wort „jene“ hatte. „An jenem Tag, an dem sie jenem Mann begegnet ist…“ Auch wenn das Buch schon von 1964 ist, ich kann mir nicht vorstellen, dass zu dieser Zeit das Wort „jene“ noch so in gewesen ist.
Was aber in Zusammenhang mit „jener“ Zeit anzumerken ist: es ist schon einigermaßen spektakulär, dass Emma mit ihren Buchhaltungsfähigkeiten und ihrem Hang dazu, sich nützlich zu machen, in der Männerdomäne „Handel“ sehr erfolgreich wird und sich die Anerkennung der ganz Großen in der Geschäftswelt erarbeitet. Das ist nicht nur für das 19. Jahrhundert erstaunlich, sondern auch für ein „Schrottbuch“, das Anfang der Sechziger Jahre erschienen ist. Oder muss man derartige historisch angehauchte Liebesromane in zwei Kategorien einteilen – in die mit den schönen und die mit den tüchtigen Protagonistinnen? Um das zu beantworten, muss ich wohl noch das ein oder andere Mal an der Bücherkiste am U-Bahnhof hängen bleiben und „Schrottbuch“-Studien treiben. Und worum es im neuen Roman von Annika Scheffel geht, das finde ich wohl auch am besten selber raus, indem ich ihn selber lese, wenn er im Frühling rauskommt.

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