Libuše Moníková: Die Schädigung

Auf den Roman „Die Schädigung“ von Libuše Moníková war ich gestoßen, als ich in Prag war und dort den Bruder der bereits 1998 verstorbenen Autorin kennen lernte. Weil ich in Prag oberhalb des Hradschin wohnte und immer die Stufen hinunter bis zur Altstadt ging, erzählte er, dass der Roman direkt dort spiele, da, wo die Straßenbahnlinie 22, die zum Bílá hora hinauffährt, sich durch eine schmale Kurve zwängt.

Ich war sehr gespannt auf die Beschreibung dieser Gegend – doch in Moníkovás Buch geht es gar nicht so sehr um Prag als vielmehr um das Gefühl einer Schädigung oder Schändung, das sich nach der Besatzung der Tschecheslowakei im August 1968 einstellte. Nicht von ungefähr ist der Roman dem Studenten Jan Palach gewidmet, der sich aus Protest dagegen auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannte.

Die Studentin Jana wohnt in einer nicht näher benannten Stadt, die Züge von Prag trägt. Um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, fährt sie Straßenbahn. Nachts macht sie manchmal ein Wettrennen, indem sie die Straßenbahn mit leicht angezogener Bremse allein fahren lässt und selbst zu Fuß die Strecke quert, um am Ende wieder auf die Straßenbahn aufzuspringen. An dem geschilderten Abend wird sie abrupt gestoppt – die Herrschaft über die Stadt hat eine Absperrung errichtet, man kann nicht mehr durch. Sie wird von einem Polizisten angehalten und vergewaltigt. Als dieser sie am nächsten Tag vor dem Tor gehen lässt, rächt sie sich blutig, indem sie ihn totschlägt. Mit den Folgen der Vergewaltigung und dem Trauma dieses Totschlags konfrontiert, trifft sie auf die mütterliche Figur Mara, eine Malerin. Diese hilft ihr, die Spuren zu verwischen, und bietet ihr an, mit ihr aufs Land zu gehen.  Jana bleibt in der Stadt, versteckt sich in Bäckereien, in Kinos, in ihrer Wohnung. Es bleibt unentschieden, ob sie wieder einen Weg finden wird, ein Leben in der Stadt zu führen, oder ob sie sich doch in Maras Künstlerkolonie auf dem Land flieht.

Nach dem drastischen Anfang plätschert das Buch seltsam aus, eigentlich weiß man gar nicht, warum hier weiter erzählt wird und auf welches Ziel hin. Es macht den Eindruck, als stünde am Anfang der Schock, die Unterbrechung eines fröhlichen, spielerischen Laufs – und danach kann es nicht mehr weiter gehen, außer in einer seltsamen, unwirklichen Betäubung. Am Ende heißt es: „Sie hört sich noch jede Nacht mit den Zähnen knirschen, aber die Tage sind erträglich. Sie lebt schon drei Wochen.“

Der Roman kann also als Gleichnis auf die Ereignisse in der Tschecheslowakei gelesen werden. Für mich stellte es sich aber als sehr schwierig dar, mich in Jana in dieser nicht näher bezeichneten Stadt einzufühlen. Etwas sperrt sich – ich kenne die Situation nicht, an irgendetwas komme ich nicht heran. Vielleicht ist es ja auch das Unfassbare eines solchen Ereignisses, das damit transportiert werden soll und das sich auch transportiert. Nur bleibe auch ich etwas betäubt und sprachlos zurück.

 

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