Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

In Erwartung, etwas über Prag zu lesen zu bekommen, habe ich „Der Friedhof in Prag“ von Umberto Eco durchgewühlt. Prag kommt aber gar nicht vor, und sowieso hätte ich mich vielleicht VORHER und nicht erst nach der Lektüre erinnern sollen, dass ich da doch mal eine Rezension gelesen hatte, in der es hieß, dass es um die Entstehung der „Protokolle der Weisen von Zion“ geht. So aber hatte ich das vergessen und war zunächst mal etwas desorientert. Natürlich ist einem ja klar, wenn man Eco liest, dass man mit Haufen um Haufen historischer Fakten umzugehen hat und dass gewiss Jesuiten und Rosenkreuzer eine Rolle spielen werden. Als ich noch nicht mal sehr weit gekommen war, fiel mir in einem Gespräch mit einem Freund auf, dass ich von dem Buch relativ verärgert war. Eco wedelt einem da immer mit seiner großen Lektüre-Erfahrung vor der Nase herum und spielt auf Alexandre Dumas an, und wehe, Du hast Dumas nicht gelesen. Und mir kam das nicht spielerisch und verlockend zur Lektüre anderer Bücher vor, sondern besserwisserisch. Dann hat er so eine seltsame Erzählperspektive gewählt – ein Herr Simonini erzählt und ein Abbé Dalla Piccola redet dazwischen, und zudem gibt es noch einen ERZÄHLER und den LESER. Ich meine, nicht allzu große SPOILER-Warnungen anbringen zu müssen, wenn ich verrate, dass Simonini und Dalla Piccola die gleiche Person sind – eigentlich hat man das schon ziemlich schnell kapiert. Eigentlich hatte ich das Gefühl, Umberto Eco hat seinen Zettelkasten mit all seinem historischen Wissen mal umgedreht und seine Notizen mal lose geordnet, und irgendwie hat ihm danach keiner gesagt, dass das aber noch kein Roman ist, sondern dass er jetzt vielleicht mal ERZÄHLERISCH daran arbeiten müsste. Insbesondere zu Beginn sind die Situationen unrealistisch, die Figuren flach und langweilig, und es wimmelt von „Szenen“, in denen zwei „Figuren“ sich miteinander unterhalten, nur damit der Leser die Gelegenheit erhält, Ecos Wissen übergegossen zu bekommen.

Warum ich das Ganze trotzdem zu Ende gelesen habe? Es bessert sich ab etwa der Hälfte, und auch wenn man dann schon längst geschnallt hat, dass der Abbé und Simonini zwei Seiten der selben Person sind, lesen sich die darauffolgenden Ereignisse inklusive Bombenattentaten und Dolchstößen weitaus besser als die papiernen Hintergründe zu Beginn. Ein bisschen schal kam es mir aber doch wieder vor, als doch schon wieder eine Satanisten-Messe als großer Abschluss vorkommt – das erinnerte mich so an das „Foucaultsche Pendel“, und wenn ichs bedenke, kam mir das da schon reichlich lächerlich vor.

Eco soll gesagt haben, dieser Simonini sei die „vielleicht zynischste und unsympathischste Figur der gesamten Literaturgeschichte“. Ich finde aber nicht, dass ihm das so gut gelungen ist. Weil Ecos gesamte Romanwelt so erfunden und behauptet wirkt, dringt der Zynismus überhaupt nicht zu mir durch. Und eine Figur, die nur durch ihre Fresssucht, die Ablehnung von Kontakten zu Frauen und durch ihre egozentrische Handlungsweise gekennzeichnet ist, wird dadurch nicht fürchterlich unsympathisch, sondern eigentlich nur blass und uninteressant.

Weil es ja um die Entstehungsgeschichte der „Protokolle der Weisen von Zion“ geht, ist Simonini auch noch ein Hetzer und Antisemit, der lauter rassistische Klischees und Plattitüden von sich gibt. Und da sind wir jetzt am Punkt meiner anfänglichen Verwirrung: ich wusste die ganze Zeit nicht, warum Eco die Geschichte von diesem uninteressanten Arschloch erzählt. Am Ende klärt sich das auf – ach so, die Geschichte der Fälschung, die für wahr gehalten wird, überhaupt allerhand Geschichten von Fälschungen und eine intelligente Verknüpfung historischer Fakten und Gegebenheiten über die fiktive Figur des Fälschers Simonini. Wenn sich Eco dann auch noch mehr Mühe mit dem Erzählen gegeben hätte, hätte ich vielleicht weniger das Gefühl, in den Zettelkasten eines ältlichen italienischen Gelehrten gefallen zu sein, sondern einen Roman gelesen zu haben. Dass ich auf „Prag“ im Titel reingefallen bin, daran bin ich allerdings ganz allein selber schuld.

 

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