Johannes Bobrowski: Levins Mühle

„Levins Mühle“ von Johannes Bobrowski spielt im Westpreußischen, irgendwo am Flüsschen Drewenz, in einem Ort namens Neumühl, unweit von Briesen. Der Untertitel des Romans lautet „34 Sätze über meinen Großvater“, und um diesen Großvater geht es also und darum, wie er damals, irgendwann um 1874, die Mühle des Juden Levin weggeschwemmt hat. Hier wird schon deutlich: der Großvater, mit dem man es hier zu tun hat, ist kein gemütlicher alter Mann, der Pfeife rauchend im Lehnstuhl sitzt – das ist keiner, dem man wohlwollend gegenüber steht, sondern dieser Großvater ist ein verknöcherter Alter, mit dem man Konflikte auszutragen hat. Die Reflexion dessen, ob und wie erzählt wird, schwingt die ganze Zeit mit in der Erzählkonstruktion. Wie positioniert man sich im Nachhinein zu einem selbstgerechten, antisemitischen Großvater? Wie erzählt man diese Geschichte und von wo aus? Auch wenn Bobrowski sehr eindrücklich und plastisch das ländliche Leben schildert, so dass man bald mittendrin ist in Sand bestreuten Küchen, in Pfarrer-Besuchen mit Schnaps und saurer Milch, und auch wenn man den Ganter mit den erhobenen Flügeln schon vor sich sieht und die zerschnittenen Kalmuswurzeln auf dem Fußboden zu riechen meint (wie riechen überhaupt Kalmuswurzeln?), bleibt die Verbindung zur Reflexionsebene des Erzählers immer dadurch bestehen, dass auf den Untertitel Bezug genommen wird, auf die 34 treffenden Sätze, die es zu finden gilt.

Recht schnell zeigt sich, dass die Sympathie bei Levin liegt, der mit seiner jungen Frau zusammen lebt, jetzt, ohne die Mühle, der Lebensgrundlage beraubt. Auch wenn ihm klar ist, dass er im Rechtsstreit gegen den intrigierenden Großvater, der auf der Seite der Deutschen und damit der Mächtigen steht, keine Chance hat, versucht er erst mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, zu seinem Recht zu kommen. Die Bemühungen von Levin, oder eigentlich muss man sagen: der Menschen um Levin, die ihn unterstützen, haben viel mit Lebensfreude zu tun, mit Gesang, Theater, Tanz, und mit dem heiligen Zorn, der manche Menschen überkommt, wenn sie eine Ungerechtigkeit wahrnehmen, auch wenn sie mit dieser unmittelbar gar nichts zu tun haben. Die Welt des Großvaters ist eine sehr steife – da wird diskutiert, auf der richtigen Herkunft und Zugehörigkeit bestanden und darauf, dass alles seine vorgegebene, fest geschriebene Ordnung hat. Und nicht zufällig kommt es gerade in dieser Welt zu einem Selbstmord.

Ich fand es sehr schwer, über diesen Roman zu schreiben. Da kommen sehr viele Ebenen zusammen, und das nicht nur in dem vergangenen geschilderten Konflikt, sondern eben auch beim Erzählen. Wie geht man mit der Schuld seiner Vorfahren um? Wie positioniert man sich, wenn das Unrecht von der eigenen Familie ausging? Der Roman erschien erstmalig 1964, zu der Zeit muss das eine noch viel brennendere Frage gewesen sein als heute. Und doch hört das ja nicht auf, die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit in Deutschland, der Versuch, sich zu den historischen Ereignissen von heute aus zu positionieren. Und auch die Konflikte hören nicht auf, es gibt immer wieder neue Anlässe dazu, sich solchen Fragen zu stellen, und die Frage nach der Gerechtigkeit lässt sich nie einfach beantworten.

Der Roman „Levins Mühle“ stellt einen solchen Konflikt vor und reflektiert zugleich, wie und von wo aus und auf welche Gefahr hin sich überhaupt darüber schreiben lässt. Atmosphärisch dicht ist es trotzdem, was dabei herauskommt, und mit einer sehr eigenen Sprache. Also, kurzum: ich bin Johannes-Bobrowski-Fan.

 

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

4 Antworten zu “Johannes Bobrowski: Levins Mühle

  1. Roland Begenat

    … es spielt weder im Ostpreußischen noch im Litauischen, im Polnischen aber, an der Drewenz wohl wahr, dort wo Bobrowski nie war, aber seine familiären Wurzeln vermuten durfte.
    Ein schöner und wichtiger Artikel trotz dieser Unschärfe am Anfang und der Einstieg in ein verwirrendes Kapitel auch unserer Geschichte.

  2. Oh, vielen Dank für den Hinweis! Da hab ich wohl ganz und gar nicht genau auf die Karte geguckt – das ist ja wahrlich himmelweit von Litauen entfernt! Und vielen Dank auf für das Lob, trotz der Unschärfe, die ich hoffentlich bald entfernen werde…

  3. I am a descendant of Johann Heinrich Bobrowski – the real-life grandfather in the story „Levin’s Muhle“. I have been researching the family line – the Bobrowski Family was exhiled in 1881. I am always looking for more information on the book and the family. Thank you for your post.

    • Thanks for your comment! I am about to go on a trip to Lithuania these days, and I am curious what kind of traces of Bobrowski I am going to find there. Probably I keep you posted! 🙂

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