Antje Rávic Strubel: Tupolew 134

Ein seltsamer Titel ist das für einen Roman, und ich hab auch nur zu dem Buch gegriffen, weil ich den Namen der Autorin in Zusammenhang mit irgendwelchen Schreibseminaren mal gehört hatte und wissen wollte, was sie denn so eigentlich schreibt. „Tupolew 134“ ist ein Flugzeugtyp, und erzählt wird die (auf einer wahren Begebenheit beruhende) Geschichte einer Flugzeugentführung zu DDR-Zeiten. Eine Tupolew wurde, von Polen kommend, beim Anflug auf Berlin-Schönefeld entführtund gezwungen, in Berlin-Tempelhof zu landen.

Antje Rávic Strubel geht in ihrem Buch den Umständen nach, die dazu geführt haben, dass eine junge Frau und ihr langjähriger Bekannter mit einer Spielzeugpistole bewaffnet diese Unternehmung wagen. Es wird von dem Leben in dem kleinen Ort in Brandenburg erzählt, vom Betrieb, in dem Katja und Lutz, die beiden späteren Flugzeugentführer arbeiten, vom Sand, der alles in Beschlag nimmt. In unentwegten Schleifen kreist Strubel um das Geschehen, die Figuren, die Umstände. Hans Meerkopf, das ist der Westdeutsche, mit dem zusammen Katja in die BRD rüber will. Dann gibt es noch Verona, Katjas Sandkastenfreundin, mit der sie seit Jahren alles geteilt hat. Und es gibt den Vater von Katja, der schon immer eine Art Fremdkörper im System war und der Tag und Nacht mit Argusaugen über Katja wacht. War Lutz vielleicht eifersüchtig, schon lange in Katja verliebt? Hat Lutz selbst die Fluchtpläne verraten und dafür gesorgt, dass Hans Meerkopf in die Hände der Stasi geraten ist? Oder war es Verona, die Katja nicht verlieren wollte? Und ist Katja überhaupt in Hans Meerkopf verliebt oder ist das Spiel, das sie da treibt, eine Art Prostitution für die Eintrittskarte in den Westen?

Bei jeder Umkreisung wird ein weiteres Puzzlestückchen freigelegt, aber ein weiteres wird wieder diffus, unscharf – es zeigt sich, es wird sich nicht rausfinden lassen, wie es wirklich war und wie die Motivationen wirklich lagen.

Atmosphärisch dicht ist das Geflecht, das Antje Rávic Strubel aufspannt, obwohl es zugleich allerhand Zwischenräume lässt, Raum für Spekulationen, Interpretationen, Auslegungen, Zwischentöne. So ist man als Leser ganz nah am Geschehen und hat das Gefühl, man habe zugesehen, wie sich alles abgespielt hat – aber wie das so ist beim Zusehen – manche Dinge lassen sich dann immer noch nicht mit Bestimmtheit sagen.

Eigentlich könnte man denken, diese Art des Erzählens könnte einem langweilig werden. Man weiß doch von Anfang an so einigermaßen, was passiert ist – es gibt keine lineare Erzählung, keinen gewöhnlichen Spannungsbogen. Trotzdem gelingt es der Autorin durch die atmosphärische Dichte und die Spannung zwischen ihren Figuren, einen bei der Stange zu halten. Es geht weniger darum, ein bestimmtes Rätsel zu lösen – eher sieht man den Figuren gerne zu bei dem, was sie da tun – schwimmen gehen, Eis essen, arbeiten, Äpfel pflücken, sich unterhalten, vögeln, knutschen – dem Spiel der Figuren und dem Wechsel der Spannungsverhältnisse.

Als ich anfing zu lesen, war ich etwas skeptisch: DDR, Republikflucht, Festnahme, Gerichtsverhandlung – ich fürchtete, das würde mir etwas zu trocken, zu langweilig werden. Strubel ist es aber gelungen, das alles sehr lebendig zu gestalten, so dass Zeit und Personen einem sehr nahe rücken. Das Buch eignet sich sehr, um sich aus seinem eigenen Alltag auszuklingen –  wie ein Fenster in einen fernen Brandenburgischen Sommer. Oder gar wie eine Tür.

 

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