Karen Duve: Taxi

Der Roman „Taxi“ von Karen Duve erwischte mich in einer Zwischensituation. Wie soll es jetzt weitergehen mit meinem Leben? Krebse ich weiter freiberuflich herum, suche ich mir n Job, was ist der nächste Schritt? Weil ich das so sehr nicht entscheiden wollte, griff ich als Ablenkung zu diesem Buch. Aber wie das Leben so spielt – worum geht es in dem Buch? Um eine Entscheidungssituation. Wie soll das eigentlich so weitergehen im Leben der Protagonistin Alex, nachdem sie ihr Abitur gemacht hat und ihr jetzt alle Türen offen stünden? Weil sie das so sehr nicht entscheiden will, fährt sie erst mal Taxi. Zum Geld verdienen, natürlich. Aber auch zur Ablenkung.

Fährt man Taxi, zumal Nachtschicht, hat man eine Ausrede, warum zwischenmenschliche Kontakte, außer zu anderen Taxifahrern, nicht mehr gepflegt werden können. Alex zieht die Vorhänge vor den Fenstern ihrer Wohnung zu und macht sie so gut wie nicht mehr auf. So wie das Taxifahren zu einer permanenten Notlösung wird, entwickelt sich auch die eigentlich nur aus Versehen eingegangene Beziehung zu ihrem Kollegen Dietrich zu einem manchmal nervigen, aber auch irgendwie praktischen Dauerzustand. Doch da ist auch Marco, der kleinwüchsige Freund aus der Schulzeit, bei dem Alex sich von Zeit zu Zeit Streicheleinheiten abholt und mit dem sie zwar nicht zusammensein kann, ohne den sie aber auch nicht mehr auskommt. Und natürlich sind da all die mehr oder weniger skurrilen Situationen mit Fahrgästen, mit sonstigen Männern, mit frauenfeindlichen Kollegen. Erst die Begegnung mit einem leibhaftigen Zirkusaffen führt die Tierliebhaberin Alex zu einer bewussten Entscheidung , die ihrem Leben eine ganz neue Wendung gibt.

Der Roman schlägt über einem zusammen, lässt einen abtauchen in diese graue Welt der Nachtschichten und Taxifahrten, der Pausen an Imbissstuben und kurzen Ausflüge ins Sonnenlicht. Alex‘ Entscheidungsunfähigkeit und ihr Verharren in Situationen, die ihr zunehmend unerträglich werden, können andere Leute bestimmt auch total aufregen. Ich fühlte mich (leider viel zu sehr) verstanden, und es tat mir gut, mich mit der Lektüre dieses Romans über meine eigene Phase der Bewegungsunfähgikeit hinwegzuretten.

Alex hat eine sehr misanthropische Ader, und auch wenn permanent von Begegnungen mit anderen Menschen erzählt wird, geht es doch eigentlich um die Unmöglichkeit, Nähe zu anderen Menschen zuzulassen. Eigentlich hatte ich dazu auch ein Lieblingszitat, das ich hier einfügen wollte – Alex, total down, denkt darüber nach, warum sie mit Marco nicht mal ausgehen könnte, anstatt in ihrer Pseudo-Beziehung zu Dietrich zu verharren, und drückt das sehr treffend aus, was da eigentlich das Problem ist, wenn man zugleich davonlaufen und unbedingt geliebt werden will. Doch wie das Leben so spielt: Ich habe das Zitat nicht mehr wiedergefunden. Und ich hatte unterdessen meinen Antrieb wieder gefunden, war aufgesprungen, hatte mal wieder angefangen alles anders zu machen – da kann man sich ja nicht der Gefahr aussetzen, abermals in der nächtlichen Taxisuppe zu versinken. Aber die Verlockung ist groß – eines Tages mache ich das bestimmt, mache mich auf die Suche nach dieser Textstelle, und freue mich schon auf die neuerliche Lektüre dieser zähen, stinkenden, leuchtenden, düsteren Taxifahrt durch Hamburg.

 

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Karen Duve: Taxi

  1. Hochintelligent studierte Taxifahrer… Wahrscheinlich der Großteil der Kulturwissenschaftler. Zumindest werde ich damit ständig konfrontiert, lasse mich aber vom Weg nicht abbringen 😉 Und sollte es tatsächlich dazu kommen, mache ich es eins a wie Lovely & Monty – mit Stil 😀

    • studiert hat die alex im buch ja nich- aber ansonsten ist das natürlich schon so ne tendenz… aber man will hier ja nich in kulturpessimismus ausbrechen, oder? mit stil: immer empfehlenswert!

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