Annika Scheffel: Ben

„Roman“ steht zwischen den orangefarbenen Großbuchstaben auf dem Cover von Annika Scheffels Erstling „Ben“. Und dabei könnte es auch sehr gut „modernes Märchen“ heißen – das ist es nämlich, ein modernes Märchen allerdings, in dem Wäscheständer umfallen, Menschen in Plastiktüten rumlaufen, in Zügen und Autos fahren, und in dem Möwen verschiedene Male den Haupt- und Nebenfiguren auf den Kopf kacken. Oh, und „Scheiße“ gebrüllt wird auch. Das scheint zunächst wenig märchenhaft. Und ist es doch.

Ben, mit vollem Namen Benvolio Antonio Olivio Julio Toto Meo Ho Schmitt, wird Lea lieben. Das weiß er ganz genau. Mit gleicher Sicherheit weiß er jedoch auch, dass sie sterben wird, wenn er sie zum vierten Mal trifft. Und das versucht er unbedingt zu verhindern. Dabei benimmt er sich diverse Male höchst merkwürdig, verschwindet sogar im Land hinter den Spiegeln – und legt Stück für Stück den langen Namen ab, den ihm seine sonst so hochgewöhnlichen Eltern gegeben haben.

Außerdem spielen in der Geschichte mit: ein alter Mann, der sein Gebiss „Franz“ nennt, der Mitbewohner Tjorven, der vor dem Flur Angst hat und die Tür oft nicht aufbekommt, Leas Mutter, ein Nachbar, ein Postbote und seine Frau, ein Fischverkäufer… All diese Figuren werden in kleinen Szenen vorgestellt und tragen ihre eigene Geschichte mit sich herum. Besonders viel Spaß machen die vielen kleinen Beobachtungen und absurden Überlegungen am Rande – von der kotzenden Möwe nach dem Sturzflug bis zur Meereswelle im Einmachglas. Und natürlich fiebert man mit, mit Ben, oder wie er auch grade heißen mag, und, wie sich das für eine ordentliche Liebesgeschichte gehört, man nimmt den Schmerz mit und die Angst vor dem Verlust und die Hoffnung, dass alles gut werde.

Das Netz aus Sehnsüchten und Motivationen, das all diese Figuren auf ihrer Suche nach dem persönlichen Glück aufspannen, fängt einen auch als Leser ein, und auch wenn man oft schmunzeln oder laut auflachen muss, am Ende legt man das Buch aus der Hand und in einem selbst schwingt diese sehnsüchtige Saite nach – wie schade, dass man sich nicht in einem modernen Märchen befindet. Oder in einem Roman. Aber man könnte ja mal wieder eine Radtour machen. Oder ein Picknick, mit selbstgekochter Marmelade. Oder, und das ist nach der Lektüre eigentlich das Wichtigste, man sollte dringend mal wieder ans Meer fahren.

 

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

3 Antworten zu “Annika Scheffel: Ben

  1. Simona

    ach Ricki, ich muss es lesen, nach der Rezension.

  2. Pingback: Annika Scheffel: Bevor alles verschwindet | frintze

  3. Pingback: Annika Scheffel: Bevor alles verschwindet – frintze

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