Volker Kutscher: Der nasse Fisch

„Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher ist ein Krimi, der im Berlin der 30er Jahre spielt.

Gereon Rath ist aufgrund eines Skandals in seiner Laufbahn bei der Kölner Mordkommission nach Berlin gekommen, über Beziehungen. Hier arbeitet er jetzt bei der Sitte, wo ihm sein Chef Bruno Wolter allerdings Gepflogenheiten beibringt, die immer wieder hart an der Grenze zur Illegalität entlang schrappen. Rath kann sich für die Arbeit bei der Sitte nicht so ganz begeistern und behält immer ein halbes Auge auf den Mordermittlungen der Abteilungen nebenan. Zum einen erhofft er sich davon neuerliche Einstiegschancen in seine angestammte Abteilung. Zum anderen ist da aber auch die schöne Stenotypistin Charlie, die ihm nicht aus dem Sinn geht. Als ein toter Mann im Kanal gefunden wird und die Kripo viel zu lange im Dunkeln tappt, wittert Gereon Rath seine Chance, verliert sich dabei aber zwischen Kokserkönigen, Halbweltdamen und Waffenschiebern immer weiter im Dickicht zwischen Illegalität und Recht. Schließlich stirbt ein Kollege von ihm – und er macht eine erschreckende Entdeckung.

Der Krimi von Volker Kutscher lässt einen in das Berlin der 30er Jahre eintauchen, in dem es Koks und Pornos gibt, politische Auseinandersetzungen zwischen den Sozis, den Kommunisten, den Völkischen… Es macht Spaß, im Inneren nachzuverfolgen, wo in Neukölln die Straßenschlachten stattfinden, in welchen Straßen sich die Bars und das Rotlichtmilieu befunden haben, und über den Anblick des Alexanderplatzes heute die Vorstellung von alten Baustellen, Straßenbahnen und Besuchern bei Aschinger zu schieben. Weil man selbst den Kopf voll hat mit Edgar-Wallace-Krimis und Detektiv-Büros, von Schwarz-Weiß-Fotografien, verschnörkelten Straßenschildern, Telefonfräuleins und Zimmerwirtinnen, folgt man der Geschichte gerne und verzeiht ihr so manche Unwahrscheinlichkeit – das Fräulein Stenotypistin zum Beispiel erscheint einem doch arg emanzipiert für die geschilderte Zeit. Oder sitzt man da auch Klischees auf?

Der Revolverblatt-Stil des Krimis nimmt einen mit und hält einen bei der Stange, zugleich bleiben die Amüsierdamen, die russischen Gangster und die Barkeeper Staffage. So wie Gereon Rath vermeidet, Stellung zu beziehen, und versucht, immer unpolitisch zu bleiben, so bleibt auch der Roman außen vor, bleibt vor der historischen Kulisse stehen und dringt nicht richtig ein. Und ein so unentschiedener Ermittler, der nie richtig Position bezieht und immer nur das Unschuldslamm mimt, das andere reingeritten haben, der schafft es leider nicht, die Sympathien auf sich zu ziehen. Der Figur, die dem Kommissar an einer Stelle eine herzhafte Ohrfeige verpasst, mit den Worten „Herr Rath, Sie sind ein richtiges Arschloch!“ – der hat man nicht sonderlich viel entgegenzusetzen.

Ich hab das Buch gespannt zu Ende gelesen; die Schmierengeschichte voller Querschläger und Säurebäder vermag zu unterhalten. Wirklich begeistert davon war ich jedoch nicht. Und ob ich Gereon Raths zweitem Fall eine Chance geben würde, da bin ich mir noch nicht sicher.

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