Bov Bjerg: Deadline

Sich abwechselnde Bodenbeläge, Spiegelungen, Beobachtungen, Klänge, Strukturen – das prägt den Roman „Deadline“ von Bov Bjerg.

Die Protagonistin Paula ist Übersetzerin und hat den Spleen, beim Übersetzen immer mehrere Möglichkeiten anzubieten: „Rammbär/Fallblock/Rammklotz“. Das zieht sich auch in ihrer Erzählung durch, ebenso wie die Genauigkeit, mit der sie durch ihre genaue Kenntnis von allerhand technischen Handbüchern die Materialien und Gegenstände ihrer Umgebung zu benennen weiß. Für ihren beruflichen Erfolg ist das nicht unbedingt von Vorteil.

Paula ist auf dem Weg zum Flughafen, um wieder zurück in ihren Heimatort zu fliegen:

„Rechts Glas (ich, Koffer), Glas (ich, Koffer), Edelstahl, Backstein, Glas (ich, Koffer), Backstein, Granit, Messing, Sandstein, Glas (ich, Koffer), Granit.“

Diese Leidenschaft für Material und Wörter, das kristallisiert sich langsam heraus, die wurzelt in ihrer Kindheit. Ihr Vater hat mit Grabsteinen gehandelt, diese  als Bodenbelag verwendet, die Zahlen und Buchstaben, die Verstorbene bezeichnen, bei jedem Schritt unter den Füßen.

Die Geschichte wird nicht direkt erzählt, sondern durch verschiedene geschilderte Situationen oder Beobachtungsschnipsel aufgespannt: wie die verblichenen Buchstaben der Grabsteine wieder aufleuchten und durch Blitzlicht auf einem Foto gebannt werden. Der Blick der Mutter, die einen Schlaganfall hatte, der Blick des Vaters, der lange schon verstorben ist. Und warum, und wer ihn verraten, wer ihn nicht gerettet hat, die Schwester oder Paula.

Das Tolle ist, dass es überhaupt keinen Sinn macht, den Plot nachzuerzählen. Es gibt einen, der aber schön offen bleibt, nicht in aller Ausführlichkeit platt gewalzt wird, sondern beim Lesen entdeckt werden will – sorgsam und sanft eingefangen in einem feinen Netz. Und dabei geht es doch um Tote, um Grabsteine und Inschriften, um den höllischen Furzgeruch beim Zerschneiden von Stein und um Verwesung – alles andere als leicht. Daneben gibt es aber auch: Donuts, Salatschüsseln, bunte und schwarzweiße Kleider, kleine Jungs und Pflaumenschnaps.

Ja, so ist das: ich weiß gar nicht mehr über das Buch zu sagen, außer, dass es eine unmittelbar sinnliche Freude ist, es zu lesen, geschrieben für alle Sinne, eigentlich; ein Gewebe aus Motiven, das rhythmisch und musikalisch ist und so genau beobachtet, dass es mich in die Hände klatschen ließ vor Begeisterung; dass trotz dieser Genauigkeit genug Raum für mich als Leserin bleibt und dass es großen Spaß macht, das, was es ist, zu entdecken, zu erschließen.

Das was es ist. Ist es jetzt eigentlich ein Roman? Eine Komposition aus Donuts, Steinen, Spiegelungen? Es lohnt sich wirklich, nachzulesen und das selbst herauszufinden.

 

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Bov Bjerg: Deadline

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