Annika Scheffel: Bevor alles verschwindet

Annika Scheffels Roman „Bevor alles verschwindet“ transportiert eine seltsam-durchwachsene Stimmung. Einerseits ist da das beschaulich-gemütliche Leben im Ort mit seinen skurrilen, aber in erster Linie liebenswerten Figuren – andererseits ist da die Bedrohung, der Zerfall, die Zerstörung.

Der Ort, in dem es einen Brunnen gibt und eine Linde, und in dem die Kneipe „Tore“ heißt, ruft damit eine romantische Heimatidylle auf. Es gibt, was es in einem Ort geben muss: ein Rathaus, eine Bäckerei, einen Laden, einen Kindergarten, eine Kneipe, einen Friedhof. Dann gibt es aber auch die von außen hereinbrechenden Gestalten der „Poseidon Gesellschaft für Wasserkraft“, die verkünden: der Ort soll in einem großen Stausee verschwinden. Die Tage sind gezählt, die Menschen  treffen verschiedene Arten der Vorkehrungen oder auch gar keine, ignorieren das, was kommen wird, protestieren, ergeben sich ins Schicksal, verschwinden.

Sehr unterschiedliche Figuren werden von diesem Schicksal getroffen. Da sind die Zwillinge Jula und Jules, am Umbruch zum Erwachsenwerden, die eben noch eine unzertrennliche Einheit bildeten, die allerdings angesichts der Geschehnisse von Außen auseinander zu brechen droht. Da ist der Bürgermeister Martin Wacholder, genannt Wacho, dem vor einigen Jahren schon die Frau weggelaufen ist und der den Schmerz über diesen Verlust an seinem Sohn David auslässt, der sich erstaunlicherweise nicht wehrt. David wiederum ist auf der Suche nach einer Liebe und findet Milo, den Blassen, Sprachlosen, Ungreifbaren.

Und damit kommt das Fantastische in den Ort. Ein blauer Fuchs treibt sein Unwesen und beißt immer wieder die Bauarbeiter, die mit dem Abriss des Ortes beschäftigt sind. Die Bewohner streicheln ihn manchmal, jedenfalls die, die ihn sehen können. Der drohende Verlust zieht eine neue Ebene in das Geschehen, alles wird leichter und schwerer zugleich. Ganz klar, beinhaltet ein Neustart doch immer das Abwerfen von Ballast und die Trauer über das Vergangene zugleich.

Das Einführen der vielen Figuren macht den Einstieg erst mal etwas schwer, dann aber stehen sie einem deutlich vor Augen, und man sieht auch diesen Ort vor sich, die steinernen Löwen am Rathaus, die Linde, das goldene Kreuz auf der Friedhofskapelle. In seltsam schwebender Stimmung wird das Dorf zermahlen und in seine Einzelteile zerlegt, und auch wenn einige Leute ungerührt auf den Trümmern tanzen – schwerwiegende Verluste bleiben nicht aus.

Ich habe den Roman schnell und gern gelesen. Trotzdem hat mich am Ende etwas sehr nachdenklich gemacht: wie kann es sein, dass diese Bedrohung, die Gewalt eines Vaters gegen den Sohn und schließlich gar Todesfall sich so harmlos anfühlen? Das Märchenhafte, das Annika Scheffel in ihrem ersten Roman „Ben“ so folgerichtig und spielerisch einsetzt, wird hier zu einem sedierenden Puffer, der macht, dass nichts so richtig wehtut. Und dadurch bleiben auch die Figuren bei aller Lebendigkeit etwas fern, wie durch einen Schleier hindurch gesehen. In meiner Erinnerung sieht der Roman  aus wie das Bild eines Ortes im Nebel, kleinere Motive, einzelne deutliche Fragmente in einem Gebilde, das insgesamt undeutlich, in Auflösung begriffen ist. Wobei das ja sehr gut passt für die hier erzählte Geschichte.

 

 

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Annika Scheffel: Bevor alles verschwindet

  1. Danke für diese tolle Besprechung! 🙂 Das Buch steht schon einige Wochen in meinem Regal, bisher jedoch noch ungelesen. Ich hatte in einer Zeitung eine recht vernichtende Rezension dazu gelesen, die mir erst einmal keine wirkliche Lust auf die Lektüre mehr machte. Deine Eindrücke machen mir nun aber doch Mut, das Buch möglichst bald mal in die Hand zu nehmen … 🙂

    • Weißt du noch, in welcher Zeitung das war? Würd mich ja auch mal interessieren, was da kritisiert wurde. Ich hab sonst nur die Rezension in der taz gelesen, die war jetzt nicht überschwänglich, aber doch positiv.

      • Wenn ich mich nicht irre, war das die Besprechung in der Süddeutschen zur Leipziger Buchmesse – da gab es das Special „Bücher Bühne“. Das Urteil des Rezensenten war damals doch sehr vernichtend.

      • Oha, das ist natürlich tatsächlich ziemlich alround-vernichtend. An manchem ist gewiss auch was dran – aber ich finde, der hat sich dann so negativ eingeschossen, hatte irgendwelche FESTEN Erwartungen – und war nicht mehr offen genug zu gucken, was es denn ist, wenn es nicht das ist, was er erwartet hat.
        Bin gespannt, dann mal zu lesen, was Du so von dem Roman hältst! 🙂

  2. Pingback: Buchtitelgedicht 3 | frintze

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