Czesław Miłosz: Die Straßen von Wilna

Neulich bin ich wieder mal durch die Bibliothek gestreift, auf der Suche nach Lektüre zum Verschlingen, und da stand „Die Straßen von Wilna“ von Czesław Miłosz. Von Miłosz hatte ich vor einiger Zeit schon mal ein Buch gelesen, „Das Tal der Issa“, und mich in diesem Zusammenhang irgendwie gewundert, wieso ein international bekannter polnischer Schriftsteller sich eigentlich so für Litauen interessiert. Zugegeben, die historischen Umstände (nämlich dass Polen und Litauen über eine lange Zeit ein gemeinsames Königreich bildeten) waren mir zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt. Freundlicherweise klärt Miłosz einem dies gleich am Anfang der „Straßen von Wilna“ über diese polnisch-litauischen Verflechtungen auf – für mich sehr hilfreich, weil dieser Teil der Geschichte im Schulunterricht doch eher unbeleuchtet blieb.

Das Buch besteht aus mehreren Essays und gedichtartigen Abschnitten über die Stadt Vilnius. Zum Verschlingen ist es natürlich nur geeignet, wenn man sich für historischen Umstände interessiert. Für mich bot es allerhand Neuigkeiten – z.B. war mir unbekannt, dass Polen in der Zwischenkriegszeit auch Ansprüche auf Vilnius stellte und dass die Stadt samt umgebender Region dann von der polnischen Armee besetzt und als „Mittellitauen“ zu Polen gezählt wurde.

Vilnius, so wie Miłosz es beschreibt, war eine Stadt, in der Sprachen und Bevölkerungsgruppen sich mischten. Aufgrund eines großen jüdischen Bevölkerungsanteils wurde es gar „Jerusalem des Nordens“ genannt. Hier wie so oft hatten die nationalistischen Bestrebungen des 19. Jahrhunderts und die totalitären des 20. tödliche Konsequenzen. In einem Briefwechsel zwischen Czesław Miłosz und dem litauischen Dichter Tomas Venclova kommt zur Sprache, wie sich Vilnius verändert hat, seit Miłosz das Land verlassen hat (das war 1951). (Venclova emigrierte selbst auch, aber erst 1977.)

Das Buch hat mich einmal mehr nachdenklich gemacht. Darüber, wie der Nationalismus das Gesicht Europas verändert hat – so sehr, dass ich mich entsinne, ganz verwundert darüber gewesen zu sein, dass es ja viele Gegenden gegeben hat und immer noch gibt, in denen ganz selbstverständlich verschiedene Bevölkerungsgruppen mit verschiedenen Sprachen nebeneinander lebten – das kam mir ganz seltsam und unpraktisch vor, und dabei müsste das doch viel eher das „Normale“ sein, und nicht die seltsamen, manchmal ja auch wirklich auf dem Reißbrett entworfenen Staatsgrenzen. Vielsprachigkeit ist ja auch zunehmend Realität, auch in Deutschland – und man sollte vielleicht mal aufhören, das immer als Problem zu sehen, sondern eher als Fakt, mit dem es umzugehen gilt.

Auch Miłosz beschreibt das Leben im Vilnius der 20er Jahre nicht als unproblematisches Miteinander. Das ist überhaupt eine seiner herausragenden Eigenschaften: dass er nicht wegschaut, wo er sich mit unbequemen Wahrheiten auseinandersetzen muss: er schönt nicht. Er beschreibt das „Jerusalem des Nordens“, in dem es eine Blüte der jüdischen Kultur gab – verschweigt aber nicht, dass es ihm zu dieser Zeit niemals eingefallen wäre, hebräisch zu lernen und sich mit dem jüdischen Erbe, seiner Geschichte und der Kabbala auseinanderzusetzen. Zwar lebten die Bevölkerungsgruppen zusammen, es gab aber zugleich wenig wenig Berührungspunkte, wenig Auseinandersetzungen mit der jeweils anderen Kultur. In Bezug auf Polen und Litauer lagen die Dinge wohl etwas anders, wobei auch hier der aufkommende Nationalismus die gegenseitige Annäherung komplizierter machte.

Trotzdem liegt für mich in diesem vielsprachigen Miteinander eine Utopie, die auch für ein Heute gelten könnte. Wie ein solches Miteinander auf friedlichem Wege möglich werden kann, das gehört weiterhin zu den großen Fragen unserer Zeit.

 

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Czesław Miłosz: Die Straßen von Wilna

  1. Miłosz hat sich als Litauer mit polnischer Muttersprache verstanden. Polnisch ist bis heute in Vilnius und Umgebung eine gebräuchliche Sprache. Vielsprachigkeit und Nationalismus schließen sich in Litauen nicht aus. Und dieser für uns auffällige Nationalismus lässt sich zum Teil auch aus der unglücklichen Geschichte des Landes erklären. Tomas Venclova hat ein schönes Buch über Vilnius geschrieben (Vilnius. Eine Stadt in Europa. Frankfurt a. M. 2006), in dem auch deutlich wird, wie eng die deutsche Geschichte mit der litauischen verknüpft ist. Ein Thema, das doch auch Bobrowskis Werk – Sie erinnern sich? – geprägt hat. Rätselhaft nur, dass in unseren Bildungsanstalten davon nichts zu hören ist. In Litauen ist dies präsenter.

    • Danke für den Buchtipp! Ein Austausch mit Tomas Venclova findet sich auch in dem Buch von Miłosz, deswegen habe ich schon mal über ihn gelesen und wollte ohnehin auch mal etwas VON ihm lesen.
      Und Bobrowski: natürlich erinnere ich mich. Der war ja mit ein Grund, dass ich den Miłosz aus der Bibliothek mitgenommen habe.
      Was ist denn jetzt aus dem Bobrowski-Museum geworden? Findet die Eröffnung wie geplant statt?

      • Am 21. Juli! Auch wenn wir noch Probleme mit der Finanzierung haben. Werden wohl erst einmal in die eigene Brieftasche greifen müssen. Näheres per mail, falls es Sie interessiert, auch will ich das Bobrowski-Projekt in meinen Litauenblog integrieren. Als Blogneuling ringe ich nur noch mit Struktur und Technik 🙂

      • Dafür sieht der Blog doch aber schon sehr schön aus, und ich war auch ganz gespannt auf die Fortsetzung der Liebesgeschichte mit Litauen! Und ich freu mich auch schon auf Eindrücke vom Bobrowski-Museum.

  2. … und die Liebesgeschichte (dieses Wort habe ich noch nie gedacht in diesem Kontext, aber es ist wohl richtig – danke dafür) wird natürlich auch fortgesetzt …

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