Miloš Urban: Mord in der Josefstadt

In Erwägung, einen Kriminalroman zum Verschlingen vorzufinden, der praktischerweise auch noch im Prag des 19. Jahrhunderts spielt, so dass ich mich in meine eigene Zeit dort umso besser zurück einfühlen könnte, habe ich in der Bibliothek zu diesem leicht zu verzehrenden Schmöker gegriffen.

Leider musste ich feststellen, dass es sich um keinen sonderlich gelungenen Roman handelt. Die Hauptfigur, Adi (von Adam), von böhmischem Adel, ist irgendwie unausgegoren – ein langweiliger, schnöselhafter Typ, der seine aufkeimende Tuberkulose mit Heroinpillen zu kurieren sucht und sich sonst vornehmlich bei den Freudenmädchen herumtreibt, für die er keinerlei zwischenmenschliches Interesse aufbringt. Eigentlich hält man ihn ziemlich schnell für ein blödes Weichei, das gar nichts schnallt – seltsamerweise ist er aber doch ein total guter Fechter und reagiert manchmal mit unverhofftem Schneid, der ihn dann selbst überrascht: des Öfteren hört er eine Stimme und dann erst wird ihm klar, dass es seine eigene war – eine Konstruktion, die vielleicht die Wirkung der Drogen mit transportieren soll, aber eher dazu führt, den armen Adi irgendwie lächerlich zu machen. So tappt er, allein von seinen Gelüsten getrieben, durch die im Umbruch begriffene Stadt, jedoch bleibt es die ganze Zeit im Dunkeln, was ihn überhaupt antreibt – warum man ihm überhaupt durch diese Gassen folgen soll.

All die Freudenmädchen fahren einzig auf ihn ab, weil er so viel Kohle hat – von Charme, von witzigen Situationen oder irgendeiner Spannung in der Luft ist ziemlich wenig zu merken. Und weil er sie auch wie Waren behandelt – taugt sie nichts mehr, wird sie vor die Tür gesetzt – bleiben alle Geschehnisse mit den Mädchen in etwa spannungsreich wie ein Börsenbericht.

Unentschieden an dem Roman ist auch, dass er sowohl von Frauenmorden im Judenviertel zu Zeiten der Assanierung erzählen als auch all die politischen Verwicklungen darstellen will. Dummerweise ist die Hauptfigur aber eigentlich total unpolitisch, weshalb einem niemals klar wird, warum einem all diese politischen Dinge erzählt werden, die doch eigentlich niemanden interessieren. Und auch die Erzählstränge des Kriminalfalls gehen in dem Gestrüpp aus schlüpfrigen Eskapaden des reichen Stutzers irgendwie unter – die meiste Zeit war ich etwas ratlos, worauf das hier eigentlich hinauslaufen soll. Deutlich wird, dass die Stadt im 19. Jahrhundert einen heftigen Umbruch erfahren hat und dass die Situation zwischen Juden, Österreichern und Böhmen nicht unbedingt friedlich zu nennen war. Und alle waren Spitzel für die eine oder andere Seite.

Mehr ist dann aber doch nicht hängen geblieben, außer der Fakt, dass es gar nicht so einfach ist, einen vielschichtigen Kriminalroman in historischem Ambiente zu schreiben – und dass man sich mit dem Erfinden seiner Hauptfigur mehr Mühe geben muss. Schade eigentlich.

 

 

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