Anna Seghers: Das siebte Kreuz

Ich hab „Das siebte Kreuz“ zum zweiten Mal gelesen. Das erste Mal war wohl so mit 17 oder so ähnlich – das Buch stand im Regal meiner Eltern, und ich griff danach mit einer falschen Vorstellung davon, worum es sich wohl handeln könnte. Ich glaube, ich hatte irgendwas Fantastisches erwartet – kein Wunder, dass mich die Geschichte vom KZ-Flüchtling Georg damals irgendwie enttäuscht hat. Dieser Tage war ich durch diverse Umstände wieder neugierig auf Anna Seghers geworden und hatte das Gefühl, mein damaliges Urteil, sie schriebe langweilig, könne vielleicht doch übereilt gewesen sein, und so nahm ich das Buch ein zweites Mal zur Hand. Und da ließ sich mal wieder merken: Die Bücher verändern sich mit der Zeit. Oder ist man es selbst, der sich mit der Zeit verändert und die Dinge so anders sieht?

Die Flucht Georgs aus dem KZ, wie er mit klopfendem Herzen in der nebligen Herbstlandschaft liegt und darauf hofft, nicht erwischt zu werden, dazu die normale, noch so friedliche Welt außerhalb des Lagers, die Jahreszeiten, die Apfelernte, der blaue Himmel, die Schafe und der Streuselkuchen – diesmal zog es mich in seinen Bann. Ich war fasziniert von Anna Seghers genauem Blick auf die Menschen und ihre Motivationen, ihre Stimmungswechsel und Sehnsüchte, die Gründe und Abgründe ihres Handelns. Es liegt eine Schmerzlichkeit in all diesen gewöhnlichen Dingen – im Tapezieren, im Arbeiten gehen, im Dampfnudeln machen und im Ernten von Äpfeln – wenn man von ihrem drohenden Verlust weiß. Wie kostbar und zugleich wie zerbrechlich dieser Alltag ist, und mit welchen vergeblichen, tapferen oder auch ärmlichen Strategien jeder sein vertrautes Umfeld zu bewahren und zu verteidigen sucht – das hat mich ganz wehmütig gemacht. Und zugleich wacher, aufmerksamer für das Hier, das Jetzt, das Heute.

 

 

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

2 Antworten zu “Anna Seghers: Das siebte Kreuz

  1. Na das passt ja, hab das Buch auch gerade gelesen… Kann dir nur zustimmen, atmosphärische Dichte, präzise Figurenzeichnungen, spannend zudem. Gehört qualitativ zum oberen Drittel meiner Bibliothek;-) vg, Jan

    • Ja, finde ich auch. Bin jetzt mal sehr gespannt auf „Transit“. Das kenn ich ja noch gar nicht, hab nur etwas über die Umstände gelesen – Marseille, warten auf Papiere, warten auf eine Schiffspassage, im Zwischenzustand. Na, ich werde von der Lektüre berichten!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s