Sounds der Woche (66)

Rheinfall. Als säße ich mitten im Wasser, so fühlt es sich auf dieser Plattform an, meine Hände krallen sich unwillkürlich ans Metallgeländer, während um mich herum der Wasserfall tost; Massen und Massen und Massen von Wasser stürzen sich dort herab, eben noch glatt, schon aufgewühlt, wild, weiß, schäumend zwischen den Felsen. Strudel und Berge und Gischtschleier türmen sich auf, und ein breitfrequentes Rauschen und Tosen umgibt mich auf dieser Bank. Ich kann nicht sagen, kommt es von diesem übermächtigen Geräusch oder von der Gewalt des Wassers vor meinen Augen, dass ich fühle, wie das Adrenalin durch meinen Körper schießt. Das Rückgrat fühlt sich dunstig an, die Arme und Beine schwächlich, ich bin ganz klein und das Herz klopft mir umso stärker. Aber nicht, dass ich das hören könnte – ich höre kaum meine eigene Stimme, ich höre schon nicht den Zug, der in dreißig Meter Entfernung über die Flußbrücke donnert. Meine Kleidung wird klamm, ich friere. Vorsichtig setze ich die Füße wieder auf die Ufermauer, nichts schwankt, nichts wankt, nur die Schatten der Blätter auf dem Asphalt zittern leicht. Kaum habe ich die hohen Speicherhäuser passiert, klingt auch das Tosen und Rauschen nur noch wie ein Schatten, ein schwaches Abbild von Kraft, Gewalt und Stärke. So schnell höre ich aber nicht auf, mich klein zu fühlen und schwach auf den Beinen, so als hätte sich ein guter Teil meines Selbstbewusstseins zwischen den großen Felsen im Sprühen der Gischt aufgelöst.

Luftballons. Das Helium strömt mit einem lauten Zischen aus der Gasflasche in den Luftballon, schnell und plötzlich, bis er knallt. Auf einer Seite bin ich taub. Das war zu schnell. Lieber sanfter. Das Gas strömt langsamer, das Gummi bläht sich leicht, mit den Fingern mache ich einen Knoten in das Ende, und mit einem leichten „Ba-bong“ stößt der Ballon an die Kellerdecke. Mehrere Babong-Ballons haben sich da schon gesammelt, es zischt, es steigen weitere auf, babong, nacheinander, durcheinander. Draußen lassen wir sie los, alle auf einmal, und obwohl sie dabei gar kein Geräusch mehr machen, kommt es mir vor, als ob sie nicht nur die Bänder mit den Glückwunschkarten hinter sich her ziehen, sondern auch einen dünnen Faden aus Stille, der mit ihnen in den blauen Himmel hinaufsteigt. Als weiße Pünktchen sind sie lange später noch dort oben zu sehen, und ich meine zu wissen, wie es bei ihnen da oben klingt – ein bisschen nach dem Zischen von Helium, nach Luft, und nach einem dünnen Fädchen aus Nichts.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Sounds der Woche (66)

  1. Felix

    Sehr schön, beides. Das Rauschen des Rheinfalls. Die örtliche Bevölkerung hat typischerweise eine flache Stirn. Sie fragt sich oft: Woher kommt dieses rauschende Geräusch? Na klar, rufen sie aus und schlagen sich dabei auf die Stirn (daher deren abgeflachte Form..): Der Rheinfall! 😃

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