Anna Seghers: Transit

Der Roman „Transit“ von Anna Seghers spielt im Frankreich des 2. Weltkriegs, insbesondere in Marseille, in der Zeit der großen Flüchtlingsströme. Der Nordteil Frankreichs war von den Deutschen besetzt, viele flohen in den Südteil in der Hoffnung, von Marseille auf einem Schiff Europa zu verlassen.

Die Hauptfigur, ein junger Mann, von dessen Vergangenheit nicht viel mehr bekannt wird als dass er in Rage einen SA-Mann geschlagen hat, im KZ gelandet ist und aus diesem geflohen ist, indem er über den Rhein schwamm, erzählt von seiner Zeit im Transit-Gebiet. Im frisch besetzten Paris gerät er durch Zufall an den Koffer eines Schriftstellers, der sich in seinem Hotelzimmer umgebracht hat. Er durchforstet diese Papiere und liest auch die Briefe der Frau des Toten, die ihm in dem einen Brief erklärt, ihn zu verlassen, und ihn in dem anderen inständig bittet, nach Marseille zu kommen, wo ein Visum, ein Transit, eine Schiffspassage für ihn organisiert seien. Der Erzähler gerät durch den Sog der Ereignisse nach Marseille, wo er in den alltäglichen bürokratischen Wahnsinn der Transitäre aus Konsulatsbesuchen, Verträgen, Visen, Reisegenehmigungen und Stempeln eintritt, obgleich er selbst die Stadt gar nicht verlassen will. Wiederum durch Zufall trifft er die Frau des Verstorbenen, in die er sich verliebt. Sie ist noch immer auf der Suche nach dem Schriftsteller, die Nachricht von seinem Tod hat sie noch nicht bekommen. Der Erzähler hat unterdessen vor den Behörden die Identität des Toten angenommen, um in Marseille bleiben zu können.

Anna Seghers fängt in ihrem Roman den unerträglichen Zwischenzustand des Transit ein, in dem die Menschen zwischen Gehen oder Bleiben, zwischen bürokratischen Mühlen und Papieren, zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und her gerissen sind und sich in tödlicher Langeweile und in der Hölle des Wartens verzehren. Es entsteht der Eindruck von bleierner Zähigkeit und zugleich von brodelnder Bewegung, da die Geschichten sehr vieler Nebenfiguren erzählt werden und damit auch allerhand absurde Situationen, die das Leben im Dazwischen so mit sich bringt.

Das Ende ist zwiespältig – mit einem leichten Schimmer von Hoffnung versehen, aber auch mit düsteren Nachrichten irgendwo aus der Ferne.

Als ich die letzte Seite gelesen hatte, fühlte es sich an, als sei ich selbst einer Hölle entronnen, aus einem wirren Traum erwacht und könnte endlich aufatmen. Ein sehr eindrückliches Leseerlebnis!

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s