Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns

„Wir sind die Früchte des Zorns“ – der Titel lässt darauf schließen, dass es hier um eine wütende Abrechnung geht. Doch halt – „Früchte des Zorns“, das heißt ja nicht unbedingt, dass man selber vom Zorn gebeutelt, mehr, dass man vom Zorn hervorgebracht ist! Und so ist der Roman von Sabine Scholl auch weniger von Wut geprägt als von einem suchenden Blick in die Vergangenheit.

Mütter sind das Thema – Schwiegermütter, Großmütter, Mütter – und schließlich auch Töchter. Scholl nimmt die Mütter ihrer eigenen Familie in den Blick, erzählt ihre Geschichte, entwickelt ihr jeweiliges Grundthema, stellt sie vor. Durch die Mütter hindurch laufen die Linien der Familiengeschichten – die Position und der Wert in der Herkunftsfamilie, die weitere Behandlung, die Haltung zu Männern, die weiter gegeben wird. Nur nicht verlassen werden! Nur nicht genauer hinsehen, wenn er mich betrügt! Oder: bloß keine Hoffnungen machen, weil er dich eh im Stich lassen wird.

Die Männer heißen zumeist nur „Fatta“ oder „der Mann“, „Odettes Sohn“ oder „Lilas Vater“ und bleiben darüber hinaus eher im Hintergrund. Mehr Gewicht hat nur der Schwiegervater, der mit Besonderheiten und dem Namen „Chübeer“ ausgestattet ist. Seltsamerweise ist der Eindruck, den all diese Rückblenden, Eindrücke, Erinnerungsfetzen aufspannen, dennoch der, dass die Frauen auf die Männer ausgerichtet sind, von ihnen abhängig, von ihnen geprägt und zu dem gemacht was sie sind.

Milde ist der Blick nicht, den die Erzählerin auf die Mütter richtet. Die eine eigentlich schon eine alte Jungfer, verschließt die Augen vor den Realitäten. Die andere stricksüchtig, besessen davon, Essbares aus der Natur zu sammeln, einzukochen, zu verwerten und zugleich essgestört, missbraucht vom Stiefvater, depressiv und jahrelang nah am Selbstmord. Mutterschaft selbst scheint ein furchtbares Schicksal – ausgesaugt von den Kindern, Gebärmaschine, Hüfte zum Absetzen, Rock zum Festhalten, sonst nichts. Zwar öffnet die Mutterschaft Türen in andere Familien, in andere Bereiche – aber um welchen Preis! Und immer sind die Töchter schuld, dass aus den Müttern nichts wurde – dass sie schwanger wurden, dass sie Mütter wurden, dass sie zurückblieben, dass sie verlassen wurden, dass sie krank wurden, dass sie krank blieben, dass sie starben.

Das Bild des Nähens, des Webens, des Faden Spinnens, das Bild der Spinne, Ariadne und Arachne, sie formen die Verknüpfungen zwischen diesen Teilen und Schnipseln und Erinnerungsbildern. Fäden spinnen, Verknüpfungen bilden, gebären, verbinden, schaffen. Das ist es, was diese Mütter getan haben, das ist es, was Mütter weiter tun. Die Hausfrau, die das Haus zusammenhält – diese Arbeit, die so viel Mühe erfordert und oft nicht gesehen wird. Die Sichtweise auf die weiblichen Vorfahren ist schonungslos und zugleich anerkennend, nicht wirklich liebevoll, aber auf eine hilflose Weise zärtlich, zumindest im Rückblick und aus der Distanz.

„Wort ist Faden, Faden ist Welt“ heißt es im letzten Abschnitt – und das trifft sehr gut die Machart des Buches, selbst wie ein Gewebe, ein Flickenteppich, eine Patchworkdecke, an der die Familie gemeinsam näht. Am Ende ist das Muttersein doch gut, für die Kinder, fürs Lebendigsein, für die Bewegung. Für die Kinder hat es sich gelohnt.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

3 Antworten zu “Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns

  1. Der Titel bezieht sich bestimmt auch auf Steinbecks bekanntesten Roman „Früchte des Zorns“. Habs aber selbst noch nicht gelesen

    • in irgendeiner rezension hab ich gelesen, das sei sozusagen eine weibliche Antwort auf Steinbeck. Kann ich aber auch nicht so recht was dazu sagen, weil ich Steinbeck AUCH nicht gelesen hab. Sollte man vielleicht mal was dran ändern…

      • Ich bin eigentlich ein Steinbeck-Fan und so auf deine Rezension aufmerksam geworden aber ausgerechnet „Früchte des Zorns“ habe ich nicht gelesen. Kann aber „Von Mäusen und Menschen“, „Wonniger Donnerstag“ und „König Artus“ empfehlen…

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