Wolf Haas: Komm, süßer Tod

Oh, das war eine rasante Fahrt! Mit dem Krankenwagen durch Wien, die Rettung naht. Oder doch nicht?

Die Welt der Rettungsfahrer, das ist eine brutale, eine skrupellose. Mit schonungslosem Blick wird hier von Spendernieren und von den Straßenbahnschienen aufgewischten Hirnen erzählt. Bei der Rettung, da gibt es seltsame Rituale, Hierarchien, Uniformen. Es gibt die Konkurrenz mit dem anderen Rettungsfahrerunternehmen. Und es gibt Brenner, der vorher Polizist und dann Detektiv war. Und jetzt eben Rettungsfahrer. Und der in diese Geschichte von Mordfällen, Goldkettchen und Blutspenden verstrickt wird.

Es ist aber nicht so, dass man sagen könnte, Brenner sei der Erzähler. Der Erzähler, das ist noch einmal eine seltsame Instanz, die dem Leser in sehr eigenem Stil kundtut, wie das so ist mit dem Leben in Wien,  und außerdem, wie es in Brenners Kopf so aussieht. Und da herrscht oft ein ganz schönes Durcheinander, was einen besonderen Reiz des Ganzen ausmacht. Brenner erinnert sich nämlich oft nur bruchstückhaft, und durch ein Lied oder einen Ausspruch oder den Anblick von irgendetwas wird die Erinnerungsmaschine angeworfen, aber oft unvollständig, so dass man mit Brenner zusammen im Trüben fischt. Und der elliptische Sprachstil ist geradezu ansteckend. Gibt es überhaupt eine andere Art, um sich angemessen zu verständigen?

Nicht nur spannend, sondern rasant, nicht nur ein bisschen abgründig, sondern bösartig und mit scharfem Blick, nicht einfach nur gut erzählt, sondern in einem Kapriolen schlagenden Fluss, ein Alltagsbeobachtungs- und Gedankenfeuerwerk. Jetzt weiß ich auch, warum derjenige, der es mir empfohlen hat, ausrief: Ach, ich bin neidisch, weil die Lektüre noch VOR Dir liegt! (Zum Glück hab ich den nächsten Band auch schon zu Hause liegen.)

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

5 Antworten zu “Wolf Haas: Komm, süßer Tod

  1. Die Brenner-Romane habe ich verschlungen – auch eine sprachliche Entdeckung, fand ich.

  2. Das hört sich aber gut an 🙂 In einem Seminar an der Uni haben wir den Anfang von „Verteidigung der Missionarsstellung“ grammatikalisch analysiert und da hat das Lesen schon sehr viel Spaß gemacht. Aber vielleicht sollte ich erstmal mit den früheren Werken von Haas einsteigen, dann ist es auch interessanter, eine Entwicklung zu beobachten 🙂 Danke für die Empfehlung!

  3. Gerne…bin auf die Analyse gespannt 🙂

  4. Nelly

    So ein Zufall wieder einmal: Ich habe auch gerade Wolf Haas gelesen, die „Verteidigung der Missionarsstellung“ und ein paar von den Brenner-Krimis.
    Der eigenwillige Erzähler, der auch gerne mal seinen Bewertungssenf zu Diesem und Jenem dazu gibt und die Bedeutung von Liedfetzen und Ohrwürmern machen in der Tat viel vom Reiz der Brenner-Krimis aus.
    Viel Spaß beim Weiterlesen!

    • ach, cool! wie das Leben so spielt, manchmal! Ja, die Ohrwürmer mit Bedeutung. Das ist eine Krankheit, die ich mit dem Brenner teile. Und auch dass es einem erst im Nachhinein wie Schuppen von den Augen fällt. Aber hoher Suchtfaktor, der Haas – vorsichtshalber les ich jetzt erst mal was anderes.

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