Sounds der Woche (100)

Vorbemerkung.

Schon lange gab es keine „Sounds der Woche“, jetzt gibt es sie doch, die Nr. 100, obwohl sie durch die lange Pause eigentlich nicht verdient, „der Woche“ zu heißen.

Über zwei Jahre „Sounds“ – das ist eine lange Zeit. Zwei mal durch die Jahreszeiten durch, über zwei Jahre lang lauschen auf den Alltag. Auch wenn ich in Zukunft nicht aufhören werde, die Ohren aufzusperren – auch wenn ich gewiss immer wieder neue Geräusche entdecken werde – für mich ist es jetzt erst mal genug. Ein letztes Mal, um die hundert vollzumachen, sollen sie hier aber doch les- und hörbar werden, die Sounds. Viel Spaß also mit der Nr. 100 – und seien wir gespannt, wohin mich der freigewordene kreative Platz im Kopf und auf dem Blog führen wird!

 

Spachtel. Die Tapeten abzukratzen war die Aufgabe. Durch die Rauhfaser hindurch ritzen, die Feuchte einsickern lassen, das Bild darunter (braune 60er Jahre Palmen) hervorbringen, die darunter liegende gräuliche Blumen-Schlangenhaut, die letzten braven Blümchen und endlich der Putz. Sprühen, mit dem Quast nässen, das Pladdern der Tropfen auf den Tapetenresten. Der Spachtel klingt wie ein gezogenes Schwert: Kling! Und dann der Kampf mit den Schichten. Kratz, ritz, hin und her, oben, unten, an einer neuen Stelle – die braunen Palmen, die Schlangenheit, ritze, ritze – die Tapete mein Feind, gegen den ich die Klinge führe. Das nächste Stück wird ein Großes sein. Na gut, aber das nächste! Ritze, ritze, Kling und die Rauheit vom Putz, das verfolgt mich noch bis in die Träume hinein.

Laminat. Schwer waren die großen Pakete mit Laminat, die im Flur aufgestapelt standen, bis der Moment gekommen war, um den Fußboden zu verlegen. Klötzchen halten die Bretter von der Wand ab. Es werden die Ecken gesägt, ach, die Stichsäge, wenn sie denn freundlich ist und den Strich grade sägt und die Ecken und Bögen für die Heizungsrohre. Am Rand wird ein blaues Eisen eingehakt und die Wucht des Hammers fügt die Stücke zusammen. Wie laut die Schläge im leeren Zimmer, in der Wohnung, in meinen Hammer-und-Amboss-Ohr-Schleifen widerhallen! So fügt sich Reihe an Reihe, wird gesägt und gehämmert, damit am Ende des Tages die ganze Wohnung anders ist. Anders klingt.

Fahrstuhl. Das wehmütig-wütende Heulen der Fahrstuhlschnüre dringt durch die geschlossene Wohnungstür, das Metall-auf-Metall der Kabine, das Runkeln und Schwingen im Fahrstuhlschacht. Verhallte Stimmen da draußen im Treppenhaus, sie haben es geschafft, sie sind ihm entkommen. Einmal mehr ist niemand verschlungen worden, drin steckengeblieben oder hinabgefallen in die Tiefe, die Schwärze, die Fahrstuhlnacht.

Schippen. Tragschicht. So heißt dieser große Haufen aus Sand-Erde-Kies, den ich mit der Schaufel abtragen und mit der Schubkarre um die Ecke transportieren soll, um dort eine Terrasse aufzuschütten. Das Metallblatt der Schippe fährt unter das Material, das Ächzen von Kies und der Raumnachhall in der Schubkarrenwanne. So wiederholt sich das, Schippe um Schippe, in den Muskeln und Ohren der Bauarbeiter ein unendlich klingendes Lied…

Rüttelplatte. „Hier sind die Ohrkorken“, hat mein Bruder gesagt, bevor er sich vom Acker gemacht und uns mit der Rüttelplatte allein gelassen hat. Wir haben das noch nie gemacht, etwas „abgerüttelt“, und wie ein kompaktes gelbes Quadratschwein steht sie da, „die Rüttel“, wie mein Bruder sie liebevoll nennt. Den roten Hebel soll man nach hinten, einen anderen nach vorn ziehen, an der Schnur des Benzinmotors reißen und Gas geben, dann läuft sie schon. Erst klingt sie wie eine Salatschleuder und hustet noch nicht mal. Aber dann legt sie los, knattert, rödelt und „schnurrt wie ein Kätzchen“ über die Tragschicht, er hat nicht zu viel versprochen. Die Rüttel, unser lautes, rüttelndes Katzenschwein, lässt um uns den Staub herumwirbeln und macht um uns herum alles platt.

Kirschkerne. Eine Tüte Herzkirschen haben wir erstanden an einer Straßenecke in Frankfurt, im Schatten, aber von oben brannte die Sonne herab. Die Berger Straße wird zur Wüste, deren Ende wir zustreben. Das gelbrote Fruchtfleisch in unseren Mündern als Stärkung, der Kirschsaft als Elixier, das treibt uns weiter und weiter gen Enkheim hinan. Hinter uns bilden die Kerne, hölzern dahingetropft, eine süßlich-vergängliche Spur.

Flugzeug. Angespannt starre ich aus dem kleinen Fenster auf die Tragfläche hinaus. Das Flugzeug fährt an, die Triebwerke laufen und dröhnen direkt vor, direkt unter mir. Das Galoppieren tausender geflügelter Pferde, so hebt es uns in den Himmel hinein, höher und höher hinauf und hinaus, über Wälder und Meere hinweg.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Übers Bloggen bloggen, Sounds der Woche

Eine Antwort zu “Sounds der Woche (100)

  1. Nelly

    Good bye Sounds der Woche. Ich freue mich auf das, was nun kommt.
    Und vielleicht bleiben uns die Sounds ja auch noch in Form weiterer Lesekonzerte erhalten ?!
    Viele Grüße
    Nelly

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