Tomas Venclova: Vilnius. Eine Stadt in Europa

Das ist seltsam. Tomas Venclova hat mit „Vilnius. Eine Stadt in Europa“ ein Stadtportrait geschrieben, ein Essay, eine historische Abhandlung. Und trotzdem habe ich es gebannt gelesen wie einen Roman.

Vilnius, heute die Hauptstadt Litauens, war immer ein Schmelztiegel von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen – Litauer, Weißrussen oder Ruthenen, Juden, Russen, Deutsche, Polen. Ein Sprachgemisch auf den Straßen, ein kulturelles Nebeneinander. Der erste Teil des Buches, der die Gründung der Stadt in Zeiten heidnischer Mythen beschreibt und den Aufstieg des Großfürstentums im Mittelalter und eigentlich bis hin zum Hindurchziehen der Napoleonischen Armee wie ein wogendes, farbiges Auf und Ab. Natürlich sind mal die einen mächtiger und mal die anderen, natürlich gibt es Aufständische, Repressalien, Kriege, Intrigen – und immer wieder auch Tote.  Zugleich entsteht das Bild einer wechselvollen, doch organischen Entwicklung, das ich fasziniert verfolgt habe wie das Entstehen und Vergehen einer Blüte im Zeitraffer. Sternengucker an der altehrwürdigen Universität entdecken Sternbilder, konspirierende Studentengruppen bilden sich, werden entdeckt und verboten, gründen sich neu. Lang schwelende Konflikte verschärfen sich, Partisanenaufstände flackern auf und werden niedergeschlagen, Grenzen verschieben sich, Heere und Kriege gehen über die Stadt hinweg.

Doch mit dem Heraufkommen des 20. Jahrhunderts färbt sich der bunte Teppich düster.  Der Nationalismus zerstört das Miteinander in der Stadt. Erst streiten sich polnische und litauische Nationalisten darum, welcher Nation Vilnius angehören soll – und eine jeweilige, national gefärbte Geschichtsschreibung setzt ein, die nicht mit der jeweils anderen kompatibel ist. Stalinistische Deportationen und Nazi-Terror gehen über die Stadt hinweg. Während Vilnius zuvor als „Jerusalem des Nordens“ galt und das kulturelle und wissenschaftliche jüdische Leben dort blühte, werden 95% der jüdischen Bevölkerung unter den Nationalsozialisten ermordet – nicht ohne litauische Unterstützung, ein Kapitel, das erst seit 1990 offiziell aufgearbeitet werden kann. Venclova erzählt die Geschichte etwas weniger detailreich weiter – von den Widerständen gegen die Sowjetherrschaft, davon, wie das Leben in Vilnius aber dennoch weiter ging, und wie dann so plötzlich alles zusammenbrach.

Die Erzählung endet im damaligen Heute, der Erscheinungstermin des Buches: 2006, und mit einem Appell an die eigene Achtsamkeit: „Ungeachtet aller Träume von einer erneuten, diesmal nationalen Homogenität bleibt die litauische Hauptstadt, was sie immer war – vielschichtig und vieldmensional, ein Kontinent im kleinen. Aber es sei daran erinnert, dass dies ein fragiler Zustand ist und dass wir für ihn verantwortlich sind.“

Das Rad der Geschichte hat sich schon wieder weiter gedreht. Die Nationalismen blühen wieder aller Orten, und Konfliktherde schwelen, brennen gar, und das mitten in Europa. Noch scheint hier alles friedlich. Doch vor dem Hintergrund dieses Buches von Tomas Venclova „sei daran erinnert, dass dies ein fragiler Zustand ist und dass wir für ihn verantwortlich sind.“

 

 

 

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