Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S.

Der Rhythmus der Sprache, in der Ulrike Edschmid vom Verschwinden des Philip S. erzählt, scheint zu fließen. Und zugleich ist da immer etwas, was das Erzählen zurückhält.

Ein Spielort ist die Berliner Filmakademie – beschrieben werden Filme der 60er Jahre, einzelne Einstellungen, Szenen. So wie die Kamera zwar eine Perspektive einnimmt, aber nur ein Auge ist, nichts hinzufügt, so nimmt sich auch Edschmid zurück. Es entsteht ein schwebender, musikalischer Stil, der jedoch zugleich vorsichtig ist, wie abgebremst.

Sie erzählt davon, wie sie Philip S. kennen gelernt hat und wie sich ein gemeinsamer Alltag entwickelte in den sich politisch immer mehr aufheizenden 60er Jahren. Philip S. als sanfter Filmkünstler aus der Schweiz, sehr viel jünger als sie, der sich dennoch rührend um ihren Sohn kümmert. Die Kinderladenbewegung, der Versuch, alternative Lebensformen zu entwickeln, der bunte Alltag in einer Kommune mit den Kindern und am Abend die Druckerschwärze, die Flugblätter, die Politik. Zuerst ist alles noch wie ein Spiel, doch der Schah-Besuch und der Tod von Benno Ohnesorg bringen eine Radikalisierung mit sich. Erst gibt es Razzien bei ihnen zu Hause, es wird nach politischen Schriften gesucht. Nach einem Sprengstoffattentat werden Ulrike, Philip und einige ihrer Freunde verhaftet. Die Zeit im Untersuchungsgefängnis wird zu einem Schlüsselmoment – dem Augenblick, in dem sie als Paar anfangen, auseinander zu driften. Philip S. geht in den Untergrund.

Der Blick auf den Alltag – Fotos, Kleider, Möbel, und darin der Schmerz darüber, dass sich das gemeinsame Leben auflöst.

In „Das Verschwinden des Philip S.“ macht sich Ulrike Edschmid tastend und vorsichtig auf die Suche nach dem verlorenen Geliebten – zurückgenommen und wie abgebremst, um nicht zu abrupt an den großen Schmerz zu rühren, der in diesem Verlust liegt. Zugleich zeigt sich in der Konsequenz und Ausdauer, mit der die Erzählerin sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, eine große Kraft.

Das langsame Nacherzählen. Das sorgfältige Nachzeichnen der Auflösungsbewegung des gemeinsamen Lebens. Das  Portraitieren des Geliebten aus Erinnerungen, aus filmisch anmutenden Augenblicken und Szenen, aus Schlagzeilen und Nachrichten, aus dem, was danach war.

Als schmerzlicher Versuch, das Flüchtige, das Verlorene festzuhalten, hat mich das Buch sehr berührt.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S.

  1. Sehr gutes Buch. Fand ich auch.

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