Sigitas Parulskis: Drei Sekunden Himmel

Weil ich grad mal kurz in Litauen war, dachte ich, ich brauche die passende, in der richtigen Landschaft angesiedelte Ferienlektüre. Auf der Kurischen Nehrung im Sand liegen und über die Kurische Nehrung lesen, das hatte ich mir so hübsch ausgedacht. Dummerweise kam ich dann in Nida weder dazu, am Strand herumzuliegen, noch so sonderlich zum Lesen. Umso schöner, mit Hilfe der verspäteten Lektüre die Ferien noch ein wenig mit nach Hause zu holen.

Also: Strand. Robertas sitzt am Strand, starrt aufs Meer, sinniert, halluziniert. Robertas ist 40 Jahre alt, säuft viel, denkt an seine Zeit als Fallschirmjäger in der Sowjetarmee. Drei Sekunden Himmel, das sind die drei Sekunden, die der Fallschirmspringer abzählen muss, bevor er die Leine zum Öffnen des Fallschirms ziehen darf – bevor er sicher sein kann, dass der Schirm sich auch öffnet. Abrupt endet der freie Fall mit dem Klatschen der sich auffaltenden Fallschirmseide. Abrupt wechseln auch die Zustände, Umstände und Orte des Erzählens bei Parulskis.

Die Studienzeit, ein Knastaufenthalt, das Militär und das Fallschirmspringen, Rauschzustände, eine unglückliche Liebe, das Meer und der Strand – alles geht ineinander über, wird überblendet, wird eins, und man kann sich beim Lesen mitreißen, hineinfallen lassen in diese Situations-Achterbahnfahrt.

Interessant fand ich den Blick auf Ostdeutschland aus der Sicht der sowjetischen Soldaten. Da stecken schon wieder so viele geschichtliche Verwicklungen drin: Wieso überhaupt die litauischen Männer mit der Sowjetarmee in Deutschland stationiert waren und wie es kam, dass in den Kirchen in Vilnius keine Pfarrer zu finden waren, sondern zuweilen eher Schweißer und Schweißbrenner.

Allerdings finde ich ja unterdessen diese Bukowski-artigen Alkoholiker-Hurenbock-Erzähler, die mit ihrer Gottlosigkeit zu provozieren versuchen und in Wirklichkeit doch nur in ihrem Liebeskummer stecken geblieben sind, ziemlich langweilig. Möglicherweise liegt es an meiner mangelnden Bereitschaft, mich damit zu identifizieren – aber ich konnte für Robertas nicht mehr als nur ein höfliches Interesse aufbringen.

Es hat aber mit Hilfe des Buches geklappt, mich für einen Augenblick länger noch in meinen landschaftlichen Ferienerinnerungen aufzuhalten. Und das ist ja immerhin schon mal was.

 

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