Haruki Murakami: IQ84, I-III

Die Bücher von Haruki Murakami – darin kann ich mich versenken. Ich muss nur ein paar Sätze lesen und schon bin ich in einer anderen Welt, die atmosphärisch so dicht ist, dass ich meine, die Zitronenbonbons selbst zu schmecken, die der Protagonist in „Mr. Aufziehvogel“ permanent isst, um sich das Rauchen abzugewöhnen.

Auf „IQ84“ war ich nach längerer Murakami-Abstinenz sehr gespannt, versprach es doch, eine Fortschreibung von „1984“ zu werden – eine atmosphärisch dichte Science Fiction Geschichte, so stellte ich mir vor.

Seltsamerweise wollte sich die erwartete Magie aber diesmal nicht so recht einstellen.

Tengo, die männliche Hauptfigur des Romans, kam mir allzu bekannt vor – wieder einmal ein solcher Eigenbrötler, der seiner Alltagsroutine nachgeht, in zwischenmenschliche Beziehungen nie sonderlich involviert ist, der einfach so vor sich hinlebt, Musik hört und kocht. Ich weiß nicht, wieso mir das diesmal nicht reichte, wieso ich diesmal von dieser Wiederholung gelangweilt war – obwohl ich doch zugleich nichts anderes als „Typisch Murakami“ erwartet hatte.

Die weibliche Hauptfigur Aomame wiederum war mir ZU spannend, ZU perfekt konstruiert. Eine Sportlerin und zugleich eine Mörderin, die mit einer winzigen spitzen Nadel Männer so ins Jenseits befördert, dass an ihren Körpern keine Spur des unnatürlichen Todes nachzuweisen ist. In ihrer Freizeit muss sie ihren Trieb abreagieren und tut das, indem sie sich mittelalte Männer aussucht, Beuteschema: Sean Connery, um sich von ihnen durchvögeln zu lassen und dann nie wieder etwas mit ihnen zu tun zu haben. Worüber sie nachdenkt? Ihre zu kleinen Brüste, ihren Körper, ihre einzig wahre Jugendliebe, für die sie sich in Wirklichkeit aufspart. Das war mir zu wenig, zu eindimensional, zu sehr Schablone: wie sich ein mittelalter Mann eine Frau Anfang 30 zurechtbasteln würde, bei allen Beschreibungen der Alltagsverrichtungen wie Bürsten oder Pinkeln ohne wirkliches Leben, ohne Fleisch.

Und dann die Liebesgeschichte – so über-idealisiert, dass ich auch schon wieder von der Konstruktion gähnen muss, weil doch irgendwie so sonnenklar ist, dass sie sich wieder begegnen und dann alles gut ist – irgendwie wollte sich da keine rechte Spannung einstellen. Das Beste waren da noch die Nebenfiguren – der schwule Profi-Killer-Bodyguard der alten Dame, die Schmetterlinge züchtet und Aomame zu den Männermorden anstiftet und der hässlich-schleimige Ex-Anwalt-Detektiv, der Aomame auf der Spur ist und dabei einen untrüglichen Instinkt beweist.

Doch auch hier werden die Figuren ZU kalt, ZU professionell, ZU instinktsicher und ZU abstoßend geschildert. Tengo und Aomame, so sehr ihnen eine traurige Familiengeschichte und schwierige Kindheit angedichtet werden, machen einen so bruchlosen Eindruck. Die Dinge, die sie für ihren Beruf brauchen (Tengo ist Mathematiklehrer, Aomame Trainerin und Physiotherapeutin) fallen ihnen auf geheimnisvolle Weise einfach in den Schoß, so dass sich alles seltsam mühelos zu entwickeln scheint – da mag noch so oft von misshandelten, gar ermordeten besten Freundinnen und abhanden gekommenen Müttern die Rede sein.

Und was war da jetzt eigentlich mit der Science Fiction?

Man befindet sich in einem verschobenen anderen Jahr 1984 mit zwei Monden drin, und das hat irgendwie mit George Orwell zu tun, der auch zwischendurch von den Protagonisten zitiert wird. Irgendwie war mir das aber auch schon wieder zu plump, das Science Fiction Thema einzubringen, indem die Figuren selber über Orwell reden.

Ob das wieder alles ein Übersetzungsproblem ist? Und Murakami im Original ist viel besser? Das nämlich fiel ein bisschen auf – dass die kurzen, lakonischen Sätze manchmal ungelenk und unrhythmisch klangen – und genau das mag ja womöglich den Unterschied ausmachen, wenn es die leider nicht mit transportierten feinen Zwischentöne und Nuancen sind, die den Originaltext zum Schweben bringen – und in der Übersetzung stürzt er leider ab. (Wobei zur Verteidigung gesagt sein soll, dass es bei 1600 Seiten, die man womöglich noch unter Zeidruck übersetzen soll, zweifellos recht schwierig ist, all diese Feinheiten mit zu erwischen.)

Zugeben muss ich, dass ich trotzdem nicht mit der Lektüre aufhören konnte. Das Ende ist dann auf eine so seltsame Weise offen, dass ich mir vorkam wie beim Seasonende einer Serie: da waren noch so viele lose Enden übrig, dass ich nicht umhin konnte, auf weitere Teile gespannt zu sein. Damn it. Haruki, you got me again!

 

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