Siegfried von Vegesack: Die baltische Tragödie

Das Buch mit dem halb zerrissenen Einband hatte ich irgendwo bei meinen Eltern aus dem Regal gezogen und war wegen des Wortes „baltisch“ daran hängen geblieben. Ich brauchte einen Moment um zu begreifen, dass das Baltische, um das es hier gehen sollte, in der Gegend des heutigen Lettland spielt, und dass die Balten hier aber deutsch sind.

Auf einem Gut im Norden wächst der kleine Aurel als drittes von vier Kindern eines deutschen Landadligen auf, wohlbehütet von seiner lettischen Amme. Es gibt Schwarzbrot und Schmant, Tanzbären und Elchjagden, Kutschfahrten und Picknickausflüge an den Fluß. Immer schon stößt der kleine „Jungherr“ jedoch an die gläserne Wand, die zwischen den lettischen Bediensteten und den deutschen „Herrschaften“ verläuft. Je älter er wird, desto mehr gewöhnt er sich allerdings daran, und es wird seltener, dass er aufgrund dieser Standesunterschiede Unbehagen empfindet.

Die Geschichte von Aurel und seiner Familie wird sehr stimmungsvoll erzählt. Die weitverzweigte Verwandtschaft wird häufig besucht, und es fast kommt es einem so vor, als seien einfach alle Tanten, Onkel und Cousinen voneinander. Und wie sich das für einen Adoleszenz-Roman gehört, gibt es auch eine Liebesgeschichte, nämlich die zu einer Cousine. Aurel ist aber zu zögerlich, um aus dieser Schwärmerei etwas Handfesteres zu machen, und schließlich heiratet die Cousine einen anderen. Überhaupt ist Aurel in seiner Haltung zumeist unentschlossen und zögerlich, und weder in Bezug auf seine Berufswünsche – eigentlich möchte er Musiker werden – noch in Bezug auf die Liebesgeschichten geht er das Risiko einer klaren Haltung ein.

In den Gesprächen der Erwachsenen spielt Politik eine wichtige Rolle, und so kommt das Verhältnis zu den Russen häufig zur Sprache. Das Land gehört nämlich zum Zarenreich, und dem Zaren ist man zur Treue im Krieg verpflichtet – jedoch nicht ohne immer wieder über die Russen zu schimpfen. Auf den Straßen stehen Werstpfeiler statt Kilometersteine. Wenn die Jungen später in Riga aufs Gymnasium gehen, lernen sie dort russisch. Als Angehörige einer Minderheit werden sie dort auch zuweilen schikaniert und dadurch in ihrem Nationalgefühl herausgefordert.

Das träge Dahinfließen des herrschaftlichen Lebens wird durch die Revolution in Russland aufgerüttelt, dann durch das Geschehen des Ersten Weltkriegs. Die Deutsch-Balten werden nicht nur dadurch zur Zielscheibe, dass sie der herrschenden Klasse angehören, sondern auch im Zuge der verschiedenen Nationalbewegungen als Angehörige einer Minderheit. Die lettischen Bauern lehnen sich auf, die so lange aufrecht erhaltene Ordnung gerät ins Wanken. Riga, erst von den Russen, dann von den Deutschen und schließlich von der Sowjetarmee besetzt, wird schließlich von der Baltischen Landwehr zurückerobert.

 

Der Roman entwickelt einen großen Sog, weil das Leben auf dem Landgut so stimmungsvoll und detailreich beschrieben wird, dass einem die vielen Tanten, Cousinen und Bediensteten ebenso wie Landschaft und Herrenhäuser unmittelbar vor Augen stehen. Zugleich ist die Perspektive sehr interessant: wie blickt man auf das Geschehen des Ersten Weltkriegs, wenn man einer deutschen Minderheit angehört, aber dem zaristischen Russland zu militärischer Treue verpflichtet ist? Welche Sollbruchstellen gibt es in einer Gesellschaft, die auf eine solche Art organisiert ist? Welche Konflikte brechen auf – und wo bleiben die Zustände stabil? Diese Fragen werden anhand von verschiedenen Personen verhandelt und vorgeführt.

Schade ist aber, dass Aurel selbst sich auch in diesem Konflikt so gar nicht zu einer klaren Haltung durchringen kann. Schon als kleiner Junge hat er gemerkt, dass die Standesunterschiede sich nicht richtig anfühlen und dass sich die Verteilung der Güter ungerecht anfühlt. Es bleibt aber bei diesem vagen Gefühl, ohne dass er das Problem konsequent durchdenkt und zu einer eigenen Position kommt – obwohl eine burschikose, Zigarren rauchende Cousine in Hosen und mit kurzem Haar ihm durchaus revolutionäre Texte zukommen lassen würde. Und irgendwie ist es ja auch so bequem, wie es schon immer gewesen ist, und es ist besonders bequem, einfach nicht weiter nachzudenken.

Ähnlich ist es mit dem Deutschsein: er ist darin sehr verwurzelt, obwohl er ja auch die Letten in seiner näheren Umgebung und sogar einige Russen ganz gut leiden kann. Die radikal nationalistischen Ansichten seines Bruders beäugt er kritisch und scheint eher seiner zutiefst gläubigen und humanistischen Mutter nahe zu stehen, die immer mehr für Versöhnung und Toleranz zwischen Russen, Letten und Deutschen eintritt. Selber tritt Aurel leider für gar nichts ein, sondern scheint immer nur zögerlich daneben zu stehen.

Als sich der gesamte Konflikt in den Kämpfen um Riga zuspitzt und viele Deutsch-Balten in russischer Gefangenschaft erschossen werden, wird der Roman plötzlich zum Heldenbericht über den Kampf der Baltischen Landwehr, die die Stadt zurückerobert und sehr viele Gefangene befreien kann. Und alle sind jetzt Heroen oder Heiligen, ob sie in den Wäldern um Riga erschossen werden, in den Gefängnissen ausharren oder beim Versuch, eine Brücke zu halten, ums Leben kommen.

Der Roman ist von 1934, in der Vorrede heißt es: „Nichts soll beschönigt, nichts bemäntelt, eigene Schuld nicht abgeleugnet werden.“ Für den Anfang mag das gelten. Besonders aber in diesem letzten Teil lässt sich der Autor doch hinreißen, den Boden der nüchternen Tatsachen zu verlassen und die Umstände und Personen zu überhöhen. Und daraufhin findet kein schonungsloses Hinsehen mehr statt, sondern der Autor rettet sich auf eine überhöhte Plattform, von der aus er den Blick in die dreckigen Abgründe vermeiden kann.

Als Zeugnis für eine Zeit ist das Ganze aber trotzdem interessant – oder besser: gerade deswegen.

 

 

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