Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

Dafür wurde es mal Zeit: ich hatte noch gar kein Buch von Solschenizyn gelesen. Und dann stand ich in einer Diskussion mit jemandem da, der sagte, Solschenizyn sei ein von den Amis bezahlter Spitzel gewesen und das sei alles nur westliche Propaganda, und dabei hatte er gar keins von den Gulag-Büchern gelesen, und schon mit erhobenem Zeigefinger- fiel mir auf, dass ich dringend etwas nachzuholen hätte.

Also „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Zugegeben: ich wollte mit etwas Kurzem anfangen. Es ist jetzt aber nicht so, dass die Lektüre daraufhin schnell gegangen wäre – was nicht daran liegt, dass das Buch schlecht wäre, sondern daran, dass Lageralltag so zermürbend gleichförmig ist. Der Kampf ums Überleben, der Kampf um jedes Stückchen Brot, die Schliche, die jeder entwickelt, um seine Zeit im Arbeitslager zu überstehen – das ist es, was Iwan Denissowitsch umtreibt. Ob er eine weitere Portion Suppe ergaunern kann, ob die Suppe gehaltvoll oder pures Wasser ist, ob er unbemerkt eine Feile ins Lager schmuggeln kann oder nicht.

Ich muss zugeben, anfänglich fand ich es etwas mühsam, mich in diese Welt hineinzudenken – ich kam nie über mehr als zwei Absätze hinaus. Spannend sind dann aber doch die Strategien, mit denen sich Iwan Denissowitsch durch den Lageralltag bringt, und seine Haltung. So schielt er nicht nach dem, was für ihn unerreichbar ist – an das Paket eines Mitinsassen verschwendet er keinen weiteren Gedanken, als klar ist, dass er seinen Anteil schon bekommen hat. Dafür versteckt sich immer heimlich eine gute Maurerkelle, um so gute Arbeitsumstände wie möglich zu erreichen – was eigentlich absurd ist, arbeitet er doch dann möglichst gut für das System, das ihn unterdrückt.An dieser Episode wird jedoch deutlich, dass das System eben auch durch die sinnlos organisierte Arbeit die Menschen zu brechen versucht, und dass das Verstecken einer Maurerkelle eine der Strategien ist, wie man auch im Lager versucht, seine Werte und Standards zu bewahren. Und damit wird auch klar, dass es in all diesen kleinen Kämpfen um Suppenschalen und Maurerkellen auch noch um etwas anderes geht, nämlich darum, wie man es auch unter widrigen und unwürdigen Umständen schafft, sich das Menschsein zu bewahren.

Der Tag des Iwan Denissowitsch geht verhältnismäßig gut aus – halbwegs satt ist er, hat eine halbwegs zufriedenstellende Mauer gebaut, ist wieder einen Tag weiter gekommen beim Absitzen seiner Haft. Traurig stimmt aber das Wissen um die Dimensionen, die das alles hatte – wieviel vergeudete Energien, wieviel sinnlos verbrachte Zeit, wieviele zerbrochene Leben, und wieviele haben darin ihr Leben lassen müssen. Und einmal mehr macht einen die Geschichte des 20. Jahrhunderts sprachlos. Möge das 21. besser sein…

 

 

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