Der erste Satz

„Streber. Schleimer.“ sage ich und bringe damit meine Abneigung für Daniel Kehlmann zum Ausdruck. Eine Abneigung, die sich, wie ich zugeben muss, nur darauf gründet, dass ich mal ein Interview mit ihm gelesen habe und da hat er gesagt, dass er Thomas Bernhard nicht mag. Nein, das ist nicht das einzige. Ich mag natürlich NIE irgendwelche gehypten jungen Bestsellerautoren, deren Hauptfiguren dann auch noch MATHEMATIKER sind. Und erst recht keine Lieblingskinder der Literaturbetriebs, pfui bäh.

K., die krank ist und darum mit Mütze an ihrem Küchentisch sitzt, weist auf das Buch neben ihrer Teetasse. „Man kann ihn ja ruhig unsympathisch finden, aber ich glaube, der ist wahnsinnig intelligent. Irgendwo hab ich jetzt gelesen, er ist neuerdings in New York. Ist mit Zadie Smith befreundet und hängt mit ihr auf Kokspartys rum, um für sein neues Buch recherchieren, oder so. Also, davon man kann ja halten, was man will – aber“ –

„Streber. Schleimer.“, unterbreche ich.

„Aber“, fährt K. fort, „der erste Satz in dem neuen Buch ist wirklich gut. Ich hab den heute mehrmals gelesen, und das ist wirklich so, das ist ungelogen-“

„Nun lies schon“, brummele ich.

Und K. liest den ersten Satz aus Daniel Kehlmanns „F“: „Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.“

Mist. Ich bin neugierig. Ich will wissen, was mit ihnen passiert ist, mit diesen Söhnen, ich will vom Unglück wissen und von Arthur Friedland und, ganz weit vorne, vom Hypnotiseur. Mist. Leider, verdammt, muss ich das anerkennen. Und eingestehen, dass ich wirklich gerne das Buch vom Küchentisch in meine Tasche stecken und auf dem Rückweg in der Bahn  sofort verschlingen würde. Verdammt. Das ist wirklich gut.  Viel zu gut gemacht. Wie die perfekte Exposition im Schulaufsatz. Streber. Schleimer.

Während wir in unserem Tee rühren, fühle ich, dass ich schon verloren habe. Bald, sehr bald, werde ich „F“ auch gelesen haben. Bald werde ich wissen, ob das Buch einlöst, was dieser erste Satz verspricht, und gewiss werde ich bald meine Meinung zu Kehlmann revidieren müssen.

Also echt. Allein dafür kann ich Kehlmann nicht leiden.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Anekdote rund ums Buch, Bücher

3 Antworten zu “Der erste Satz

  1. Mhm. Der F-Roman von Kehlmann hält nur in einer Hinsicht, was er verspricht: Er fängt nämlich inhaltlich mit Hokuspokus an (Stichwort: Hypnotiseur), und wenn man durch ist, fragt man sich, was außer ein bisschen Trickserei da eigentlich Gegenstand war. Aber der erste Satz ist echt gut – immerhin schon mal ein guter Satz im Buch!

    • Ja, unterdessen habe ich es auch gelesen, siehe die neueste Rezension. Vielleicht hätte ich es lieber sein lassen sollen – was ich mir VORGESTELLT habe, wie das Buch ist, war weitaus besser als das, was es dann war.

  2. Pingback: Daniel Kehlmann: F | frintze

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