Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Gerade erst habe ich das dicke Buch (immerhin 520 Seiten) geschickt bekommen – doch schon ist es wieder alle: schade!

Eine schöne Geschichte ist es nicht, die hier erzählt wird. Wie sollte es auch, geht es doch um den Ersten Weltkrieg, und der war bekanntermaßen brutal, hässlich, schmutzig und hinterließ unüberschaubare Gräberfelder.

Pierre Lemaitre widmet sich in seinem Roman den beiden Soldaten Albert und Édouard, deren Schicksale durch die Geschehnisse im Krieg untrennbar verknüpft werden. Kurz vor dem endgültigen Waffenstillstand rettet Édouard Albert vor dem Ersticken in einem zugeschütteten Bombenkrater, wird dabei aber selbst von einem Granatsplitter getroffen und für immer entstellt. Weil Édouard daraufhin nicht zu seiner Familie zurückkehren will, kümmert Albert sich um den Verletzten, den er eigentlich kaum kennt, und die beiden bilden eine etwas absonderliche Nachkriegs-Männer-WG.

Eine unrühmliche Rolle spielt in ihrer Geschichte der Hauptmann ihrer Kompanie, Pradelle, der überhaupt erst diesen letzten Angriff und damit Édouards Verletzung provoziert. Pradelle ist ein skrupelloser Kriegsgewinnler, dessen großes Ziel es ist, sein vom finanziellen Niedergang bedrohtes Adelsgeschlecht zu neuer Blüte zu bringen. Dabei schreckt er schon während des Krieges vor nichts zurück und opfert ohne zu zögern die Soldaten, die ihm unterstellt sind. Nach dem Krieg übernimmt er das Geschäft mit den Kriegsgräbern, und nichts ist ihm dabei zu pietätlos, wenn es nur seiner Bereicherung dient. Doch nicht nur die gemeinsame Vergangenheit verbindet Pradelle mit den beiden Veteranen. Nach dem Krieg heiratet er Édouards Schwester, die aus einer reichen Familie stammt. Édouards Vater jedoch wird dabei zu einem erbitterten Gegner Pradelles, der ihn in die Schranken weist und ihm ihm demonstiert, dass auch das Spiel mit Geld, Intrigen und Macht Regeln hat und erst mal beherrscht werden muss.

In atmosphärischer Dichte schildert Pierre Lemaitre die Ereignisse im Leben dieser drei Figuren und bezieht auch die Sicht verschiedener Nebenfiguren mit ein. Die verschiedenen Stränge begegnen sich immer wieder, laufen gegeneinander und kommen schließlich in einem geradezu absurden Finale zusammen.

Es ist natürlich schon so, dass Monsieur Pradelle in diesem Spiel ein bisschen zu sehr schwarz gemalt wird. Auch wirkt das Geschehen im Krieg ein bisschen fern und kulissenhaft und einige Zufälle und Ereignisse sind schon arg konstruiert. Nichtsdestotrotz zieht einen das Geschehen mit in die Geschichte, und spätestens das Zusammenleben von Albert und Édouard entführt einen wie in eine geradezu schwebende, absonderliche Traumwelt. Und schließlich macht es ja auch Spaß, wenn der Böse dann am Ende… Aber nein, das verrate ich natürlich nicht. Denn auch wenn es nicht das beste Buch ist, das ich je gelesen habe: spannend war es auf jeden Fall und ein guter Zeitvertreib. Und das ist ja immerhin schon mal was.

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2 Antworten zu “Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

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