Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben

Ich weiß gar nicht mehr, wie dieses Buch in mein Regal gekommen ist. Aber da stand es, mit diesem plakativen Titel, in der Abteilung „Ungelesenes“, und eines Tages also nahm ich mich seiner an. Ich war ein bisschen skeptisch, hatte ich doch Paulo Coelho als seltsame Mischung zwischen Guru, Lebensratgeber und Eso-Kitsch-Autor kennen gelernt.

Angenehm war schon mal, dass es hier nicht um einen Ich-Erzähler geht, der mehr oder minder unverhohlen an den Autor angelehnt ist, sondern um eine fiktive Figur: Veronika. Diese beschließt, wie der Titel schon sagt, eines Tages zu sterben. Eigentlich stellte ich mir bei der Beschreibung dieser Frau, die in ihrem engen Zimmer Schlaftabletten nimmt, weil sie des Lebens überdrüssig ist, eine um die fünfzigjährige Frau vor. Doch nein, es handelt sich um eine junge, hübsche Frau von Mitte zwanzig, die da von jetzt auf gleich von der Lebensmüdigkeit gepackt wird, aus keinem weiteren Grund als dass sich alles auf so unerträglich vorhersehbare Weise und in fürchterlicher Langeweile bis zum Lebensende wiederholt: Tage, Nächte, aufstehen, einschlafen, alles gleichförmig, grau, geradezu widerlich.

 

Veronika jedoch stirbt nicht, sondern wird gefunden und in eine Klinik für Geisteskranke gebracht. Der dortige Arzt teilt ihr mit, die Tabletten hätten ihr Herz irreparabel beschädigt und sie würde innerhalb der nächsten Woche sterben. Von dieser Nachricht gewissermaßen erleichtert und zudem in dem Irrenhaus befreit von gesellschaftlichen Zwängen, entdeckt sie ihre Leidenschaft für das Klavierspielen wieder und findet außerdem einen Weg hin zu ihren verdeckten sexuellen Wünschen und Sehnsüchten. Und sieh an, auf einmal ist da auch jemand, den sie liebt – ein junger Kranker, mit dem sie an ihrem voraussichtlich letzten Lebenstag aus der Anstalt flieht. Und – ja, ich verrate das jetzt einfach mal – am Ende stellt sich raus, sie stirbt doch nicht, ist aber dafür durch ihre Grenzerfahrungen im Irrenhaus von ihrem entsetzlichen Lebensekel befreit. Happy End. 

 

Ich gebe zu: es hat durchaus Spaß gemacht, sich mit Coelho in die leicht abgedrehte Welt der Irrenanstalt zu begeben und in diese seltsame Atmosphäre zwischen besonderen Charakteren und gleichnishaften Abziehbildern abzutauchen. Ich gebe zu: es war unterhaltsam. Aber als ich das Buch weggelegt hatte, blieb ein etwas schales Gefühl, denn eigentlich ist die Story eben doch ganz schön flach. Und die Tiefe, die eigentlich Einzug erhalten müsste, wenn Veronika dann das „wahre Leben“ entdeckt, ist eben nur eine behauptete – ein Trugbild. Schade eigentlich: als Anleitung gegen den Lebensekel taugt das Buch irgendwie nicht. Höchstens dass man während der Lektüre auf der flachen Ebene des Erzählten wie nebenbei sein eigenes Begründungsgebäude aufbauen kann, warum es sich eben doch zu leben lohnt. Dafür könnte man allerdings auch lieber das Buch ganz weglegen, rausgehen und irgendwo dort etwas vom Leben atmen. Paulo Coelho braucht man dafür eigentlich nicht.

 

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

2 Antworten zu “Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben

  1. Sehr schön, deine Auseinandersetzung mit Romanen – zunächst vorurteilsfrei näherst du dich in den Besprechungen (wie hier bei der lebensmüden Veronika) den Texten und kommst am Schluss immer zu einem interessanten Urteil. Das wirkt authentisch und macht Spaß zu lesen!

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