Eine Re-Lektüre: Das Muschelessen von Birgit Vanderbeke

Vor Jahren, mit 17 wahrscheinlich, hatte ich das schmale Bändchen mit dem Teller voll Muscheln auf dem Einband schon mal gelesen und war begeistert gewesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich grade eine Leidenschaft für Revolutionen und Revolutionäre, mein Herz schlug für die gute Sache, und natürlich war ich, und das sehr heftig, für die Zerschlagung des Patriarchats. Birgit Vanderbekes kleine Geschichte vom Familienvater, der ein einziges Mal nicht wie gewohnt zum Essen nach Hause kommt, woraufhin das Herrschaftsgefüge zwischen Mutter, Vater und den halbwüchsigen Geschwistern ins Wanken gerät, hatte mich daraufhin voll erwischt und war zumindest für eine Weile mein Lieblingsbuch.

 

Jetzt, fast zwanzig Jahre später, fiel mir das Buch wieder in die Hände, und ich war neugierig: Ob sich die damalige Begeisterung wieder entzünden würde?

Doch schon nach wenigen Seiten war ich ernüchtert. Schade. So viele Wiederholungen! Und es hatte dem Genuss dieses Buches ohne Zweifel geschadet, dass ich unterdessen ziemlich viel vom ECHTEN Thomas Bernhard gelesen hatte, so dass mir dieser Thomas-Bernhard-Abklatsch-Stil leider ziemlich auf die Nerven ging. (Ein Randgedanke: Das muss ich glatt mal ausprobieren, ob die Re-Lektüre von Thomas Bernhard funktioniert oder ob mich die vielen Wiederholungen da auch stören…) Interessant daran ist, dass der Bernhard-Stil hier auf ein Nicht-Bernhard-Thema angewendet wird, nämlich auf die Kleinfamilie.

Die Familienstruktur, die hier gezeichnet wird, ist mit Schwester, Bruder, Mutter, Vater, natürlich absichtlich typisiert, gerät aber doch sehr holzschnitthaft. Das, was bei mir früher so gut funktioniert hatte – das Aufbegehren gegen das böse Patriarchat! – erschien mir jetzt zu einfach, zu oberflächlich. Interessant an dem Text ist noch immer das Vorführen eines Systems, nach dessen Regeln alle Familienmitglieder funktionieren, obwohl es ihnen weder entspricht noch gut tut. Wie sich die Mutter nach den Vorstellungen des Vaters richtet und sich nach seinen Wünschen immer wieder „umstellt“ und brav ihr Feierabendgesicht aufsetzt. Wie alle das System stützen, indem sie ihre Rolle in dem Gefüge einnehmen, und wie durch die kleine Verschiebung im Ablauf alles in sich zusammen bricht. Nur leider kam mir unterdessen alles zu lang, zu langatmig vor, die Gesamtkontellation zu konstruiert und die Anspielungen zu gewollt subtil. Und es hat mich gestört, dass ich das Gefühl hatte, die Autorin kopiert stilistisch bloß und findet für ihre Geschichte keine eigene Stimme und keinen eigenen Stil.

Daraufhin bin ich gespannt, wie Birgit Vanderbeke heute schreibt – ob das unterdessen anders ist oder ob sie immer noch klingt wie ein weiblicher Thomas Bernhard.

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