Peter Wawerzinek: Schluckspecht

Von Peter Wawerzinek wollte ich schon lange mal was lesen, schon seit dem gewissen Bachmannpreis. In der Bibliothek stieß ich auf das Buch „Schluckspecht“, darüber hatte ich gelesen: eine autobiographische Aufarbeitung mit dem Thema Alkoholismus, und natürlich hatten die Zeitungen behauptet: „schonungslos offen“ – und so weiter.

Der ich-Erzähler in „Schluckspecht“ ist ein schüchterner Junge, der bei seiner Tante Luci und dem dazugehörigen Mann, genannt Onkel-Onkel, aufwächst. Alkohol spielt immer eine Rolle – Likör, ein berühmter rosafarbener Pudding mit Alkohol drin, Schnapsbrennen als Fest, und die böse, böse Kneipe, die den Onkel-Onkel in ihren Fängen hält. Gleichzeitig macht alles einen idyllischen Eindruck: wie Fische gebraten werden in Tante Lucis Küche, wie Onkel-Onkel in seinem Schuppen und im Garten die Herrschaft behält – und, gut, die Eltern, beide Schauspieler, über die als „Nichtsnutze“ hergezogen wird, auch sie vom Alkohol verführt, und haben den Sohn im Stich gelassen. Aber es gibt wiederkehrende Figuren wie den Postboten und die Eierfrau, die sowas wie eine gemütliche, von Regelmäßigkeit geprägte Welt vorführen.

Aber allmählich verändert sich alles. Onkel-Onkel wird krank und stirbt. Der Ich-Erzähler kommt in die Pubertät. Er beginnt, trotz aller Warnungen der Tante, ein Verhältnis mit dem Schnaps – zuerst mit der geliebten „Schwarzen Johanna“, einem Likör. Die sumpfig-gemütliche Atmosphäre des Anfangs wandelt sich. Das Spiel mit dem Alkohol nimmt rasant an Fahrt auf. Erst sind es nur die Jugendkeller und die Bandproben, später dann Kneipen in vielen Städten, Exzesse in Mitropa-Wagen, zerschlagene Gläser, Prügeleien, Erbrochenes, Trümmer. Das erzeugt einen seltsamen Sog und zugleich Ekel. Irgendwann habe ich mich beim Lesen selber gefühlt wie nach einer endlosen, trunkenen Party.

Dann der Entzug, irgendwo auf dem platten Land in Norddeutschland. Tante Luci als rettender Engel kommt angefahren und bewahrt den Ich-Erzähler vor dem endgültigen Untergang. Und irgendwann steht sie selber vor der Tür und muss ihr eigenes, stets verschleiertes Alkoholproblem auskurieren.

Während die Tante vorher durchaus realistisch gezeichnet wird, entwickelt sie sich zunehmend zu einer fantastischen Figur. Sie trainiert fürs Fahrradrennen, ist mit allen Leuten gut Freund, schreckt vor keinem Projekt zurück, kocht himmlisch und besticht durch ihre Drahtigkeit, trotz des hohen Alters. Der Ich-Erzähler hingegen tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Er geht spazieren und schaut auf die Landschaft, er beobachtet die anderen Menschen in der Entzugseinrichtung, beschreibt die Umtriebe der Tante, von ihm selbst erfährt man eigentlich nicht mehr viel.

Der Roman ebbt dann in dieser seltsam irrealen norddeutschen Kinderbuchwelt so langsam ab, und das war es dann mit dem Schluckspecht.

Und ich blieb etwas ratlos zurück. „Autobiographisch“, „Schonungslos offen“ – naja. Es wird ja alles auf eine eher überhöhte Art erzählt, auch die übelsten, ekligsten Saufgelage. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, es wird an etwas vorbei, über etwas hinweg erzählt. Zwar werden mir die Fakten geschildert von den Nächten in den Theaterkantinen und von der Armseligkeit, vom Exzess und vom Filmriss – aber es bleibt seltsam äußerlich. Einen Blick in den inneren Abgrund erhalte ich nicht – ich betrachte nur die Symptome.

Faszinierend ist das schon, wie man sich als Leser von diesen Schilderungen selbst irgendwann trunken fühlt. Sprachspiele, Reime, Beobachtungen, die Nebenfiguren und insbesondere die fantastische Tante Luci – das alles macht das Buch recht unterhaltsam. Aber als Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholsucht bleibt es leider relativ flach.

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