Ian McEwan: Kindeswohl

Das neue Buch von Ian McEwan würde bald rauskommen! Der berühmte Ian McEwan! Der große, britische Autor!, so hatte ich in der Zeitung gelesen. Und musste feststellen, dass ich von diesem großen Autor noch überhaupt nichts gelesen hatte. Ein Grund, es gleich mal mit dem neuen Buch zu versuchen!

 

In „Kindeswohl“ geht es um die Familienrichterin Fiona, die am High Court allerhand ethisch schwierige Fälle zu entscheiden hat. Sollen die beiden jüdischen Mädchen bei ihrem orthodox orientierten Vater aufwachsen oder bei der Mutter, die der Welt mehr zugewandt ist und sie auch auf eine normale Schule gehen lässt? Sollen die siamesischen Zwillinge getrennt werden, auch wenn es den Tod des einen Zwillings bedeuten wird, wenn dafür der andere umso sicherer überlebt?

In solche Fragen vertieft, ist ihr in ihrer eigenen, kinderlos gebliebenen Ehe der Kontakt zu ihrem Mann abhanden gekommen, der sich nun beschwert, eine Krise vom Zaun bricht, eine Affäre beginnen will. Gerade in diese für sie persönlich belastenden Situation platzt ein weiterer Fall: der leukämiekranke Jugendliche Adam könnte mit einer Blutspende gerettet werden. Doch er und seine Eltern lehnen die Behandlung ab, weil sie Zeugen Jehovas sind.

Emotional ein wenig auf dem Ruder, fährt Fiona zu dem Jungen ins Krankenhaus, es kommt zu einer intensiven, auch vom künstlerischen Austausch geprägten Begegnung mit Adam, in deren Folge sie ihr Urteil trifft – und ihm das Leben rettet. Damit ist ihre Rolle im Leben Adams eigentlich ausgespielt.

Doch Adam, der noch immer tief von der Begegnung mit Fiona beeindruckt ist, bricht mit seinen Eltern und der Religion, sucht nach einer neuen Orientierung in seinem Leben – und meint diese bei Fiona zu finden. Er schreibt ihr Briefe und reist ihr schließlich sogar nach. Fiona, davon geschmeichelt, aber sich zugleich ihrer Rolle als Richterin nur allzu bewusst, weist ihn zurück. Schließlich kommt es, wenn auch ganz unauffällig eingebettet in Fionas Richterinnen-Alltag, zu einem tragischen Finale.

 

Damit war das Buch also zu Ende. Die Geschichte von der Richterin, die für andere so rational zu entscheiden imstande ist, aber in ihrem eigenen Leben genauso rettungslos verstrickt ist wie die Menschen, über die sie zu richten hat. Die Frage darunter, was Religion für eine Rolle für die Menschen spielt, und welche Position der Staat in solchen Fragen einzunehmen hat. Und der junge Mann, der so verzweifelt auf der Suche nach einer Orientierung in seinem Leben ist und an der Kälte der staatlichen Strukturen zerbricht.

 

Das ist ein ganz interessantes Gedankenspiel. Eine Versuchsanordnung, angereichert mit genauen Beobachtungen aus dem Krankenhaus – wie das Licht ist, die Schatten auf Adams Gesicht, seine Hautfarbe, der Regen vor dem Haus. Zu Beginn habe ich mich noch höflich dafür interessiert und auch über die manchmal durchscheinenden Sarkasmen gelächelt. Aber alles in allem blieb auch für mich das Buch zu kühl, zu distanziert, vielleicht auch: zu konstruiert: die analysierende Darstellung eines weiteren Falles. Ungerührt, unberührt stelle ich das Buch ins Regal zurück, ohne fürchten zu müssen, dass die Figuren mich noch einmal heimsuchen, weil sich nichts in mir verhakt hat.

 

Ob das wohl repräsentativ für den Autor ist? Oder sollte ich einem anderen seiner Romane noch mal eine Chance geben?

 

 

 

 

 

 

 

 

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher

5 Antworten zu “Ian McEwan: Kindeswohl

  1. MMbrecher

    Ja! Vor allem Abbitte hat die Chance verdient!

  2. Hallo Friederike,

    ich war von Kindeswohl auch etwas enttäuscht. Vor allem, weil ich zuvor „Solar“ gelesen hatte und das war wirklich der Hit. Ich wußte gar nicht, dass McEwan auch so witzig sein kann. Und Abbitte war natürlich auch grandios!
    Er hat wie ich finde, eine zweite Chance verdient :).

    Viele Grüße,
    Friederike

    • Hallo Friederike! Danke für den Kommentar. Schon zwei Stimmen für „Abbitte“. Eine für „Honig“. Und auf alle Fälle Fürsprecher von McEwan. Insofern probier ich s bestimmt noch mal! Schöne Grüße, noch mal, von Friederike zu Friederike! 😉

  3. Pingback: Sonntagsleserin März 2015 | buchpost

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