Sounds der Woche (92)

Fahrstuhl. Wie ein Rasierapparat schnurrt es, als wir auf den Fahrstuhlknopf drücken und die Kabine die drei Stockwerke bis hinunter zu uns überwindet. „Wenig vertrauenerweckend“, konstatiere ich. Dennoch steigen wir zu zweit in die kleine Kabine und betrachten besorgt das Metallschild Weiterlesen

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Sounds der Woche (89)

Auf der Brücke. Von Ferne sehe ich die Brücke, darauf der Trompeter, der seine Melodien melancholisch in den Morgen hinein wehen lässt. Die Stufen auf meiner Uferseite werden ausgebessert, Straßenarbeiter bearbeiten die hell klingenden Pflastersteine mit einem Hammer. In der Mitte über dem Fluß unterhalten sich zwei Frauen, beide haben kleine Hunde an der Leine, der eine zieht schon halb auf die andere Seite, der andere stellt sich mutig mir entgegen, frech und laut: „Wäff!“ Der langsam dahingleitende Zug von der anderen Uferseite, die melancholische Trompete, die Steine, die Hunde, meine eigenen Schritte auf der Brücke.

Alexanderplatz am Morgen. Von der U-Bahntreppe tauche ich auf den Platz, hinein in Menschenstimmen und Schritte. Straßenbahnen kreuzen sich, kreischen. Ein Wurstverkäufer spricht schnell und auf spanisch. Irgendwo dahinten brüllt jemand, ein Wütender, ein Verrückter. Kaum jemand sieht sich nach ihm um. Geschäftig und träge, so verschieben sich die Massen, und der Hall ihrer Schritte weht über den Platz.

 

Sounds der Woche (88)

Silvester. Raketen und Knallfrösche von überall, der eben noch klare Himmel bedeckt von Lichtern, Wolken und Rauch, das Knallen und Sirren und Heulen, von allen Seiten Widerhall. Überall in der Stadt feiern die Menschen, Gewusel, Gewimmel, wie im Topf, in dem das Wasser kocht, wie in der Popcornmaschine, Geblubber, Getöse, Krach und Geschrei. So hat‘ s sich vielleicht hier im Krieg angehört.

Junge. Es ist Neujahrstag. Der kleine Junge mit dem frechen Gesicht lugt durch den Türschlitz, neugierig auf den Besuch. „Kacke!“ sagt er zur Begrüßung, und „Kacke!“ auch als zweites Wort. Er rennt durch den Flur in sein Zimmer, „Kacke!“, zurück in die Küche: „Kacke! Kacke! Kacke!“
Kindermund tut Wahrheit kund, denke ich, und hoffe sehr, dass das nicht als Prognose für 2014 zu verstehen ist.

Sounds der Woche (87)

Im letzten Monat war ich so überschwemmt von Eindrücken, Begegnungen, Momenten, dass das genaue Hören auf meine „Sounds der Woche“ ganz schön zu kurz gekommen ist. Endlich, endlich aber kommen sie wieder. Hier ist die Nr. 87.

Trompete. In einem Konzert sitzen die Musiker im Halbkreis. Der Haarknoten der Dirigentin, die mit strenger Hand den Weg durch das Notendickicht weist, wippt nicht, wankt nicht, es zittert kein Haar. Eine kleine blonde Trompeterin sitzt auf der Seite, neben ihrem Stuhl die Wasserflasche, weil sie andauernd husten muss. Husten im Konzert, und dann noch von der Musikerin auf der Bühne, was gibt es Schlimmeres, Störerenderes. Das weiß sie und wartet  immer auf die lauten Stellen, damit ihr Husten im Gesamtklang untergeht. Dafür aber hustet sie jedes Mal, wenn es laut wird. Fast wartet man auf dieses Schauspiel: Ah! Da kommt die Posaune! Ah! Da hustet die Trompeterin!
Nur die Dirigentin mit strenger Hand weicht nicht, wankt nicht, schlägt akribisch weiter den Takt.

Klingel. Montagmorgen, den ersten Kaffee noch nicht leer getrunken und noch im Schlaf-T-Shirt liege ich im Bett, als es an der Tür klingelt. Wer könnte das sein? Erwarte ich jemanden? Ich erwarte niemanden. Nein, das sehe ich nicht ein, dass ich für irgendeinen dahergelaufenen Zeugen Jehovas am Montagmorgen aufstehe, um die Tür zu öffnen, mit Ringen unter den Augen und wirrem Haar. Da draußen steht ein Mann und hustet, ein schwerer Husten, auch das noch, den will ich mir auch nicht einfangen. Ich lausche, wie er an der Tür gegenüber klingelt, dann im Stockwerk drüber, und wie er wieder hustet. Ob das ein Gebühreneintreiber ist? Oder der Stromableser? Jedenfalls einer, der nervt, indem er an allen Türen klingelt.
Erst viel später fällt mir ein, dass ich sehr wohl jemanden erwarte: einen, der mir ein Päckchen bringt, das ich bestellt habe. Hustend stand er vor meiner Tür, und ich hab einfach nicht aufgemacht.